Tarot als Kreativ-Werkzeug: Wie passt das Standard-Tarot in dieses Konzept – und was muss geändert werden? Und wie? Wofür stehen die Kleinen Arkana? Und wie heißen sie? In dieser Episode geht es um die Marktrecherche für den groben Überblick und erste Ideen zur Konzeption. Und um Kreativität. Natürlich. 😉
Vorbereitung und Vorkurs
Um die Idee soweit spruchreif zu kriegen, dass ich mich für das Creative Lab anmelden und einen Betreuer anfragen konnte, wurde noch ein wenig daran gefeilt. Aber nicht zu viel, denn im Thesis Handbuch und so steht ja, man soll es nicht zu eng eingrenzen. Außerdem hatte ich keine Ahnung, ob Thema und Umfang auch nur entfernt für eine Thesis passen. Jetzt bloß nicht zu weit reinsteigern und am Ende aus Verzweiflung doch das Tinyhausprojekt nehmen müssen … Als ich mich endlich getraut habe, mich für das Lab anzumelden, war die Infoveranstaltung für Oktober, in der ich solche Fragen vielleicht hätte stellen können, gerade vorbei. Natürlich. Aber wenigstens stand im Lab-Feed irgendwo, dass von Kooperationen abgeraten wird. Also kein Tinyhausprojekt.
Mir war schon einigermaßen klar, dass die Großen Arkana die kreative Reise abbilden sollen. Wenn man sie so interpretieren will, tun sie das eh schon fast. Der Narr mit der fixen Idee (that’s me!), der Magier, der versucht, diese Idee zu manifestieren, die Inspiration in Gestalt der Hohepriesterin, ein paar Wirren rund um den Turm (der Moment, wenn man Leinwände in Tränen aufgelöst in die Ecke feuert …) und in der Welt letztlich die Vollendung des Meisterwerks trotz aller Widrigkeiten. Das ist nicht allzu weit entfernt vom Original und bestätigt mich in meiner Vermutung, dass Kreativität nicht nur für Kreative (also die, die schon wissen, dass sie kreativ sind), ein essenzielles Thema ist.
Aber was ist mit den Kleinen Arkana? Was können die dazu beitragen? Brainstorming, Kräutertee mit der Schamanin, Zoom-Call mit der Kommilitonin, Karten ziehen (klar, was sonst?), mehr Brainstorming …
Sie könnten die Stationen der Inspiration, Reflexion, Planung und Umsetzung behandeln. Das passt und ist nah am Original. Sie könnten auch beim Original bleiben und einfach Willen, Gefühle, Denken und Materielles abbilden. Oder – und ich weiß bis heute nicht, woher der Gedanke kam – sie könnten den Stufen von Maslows Bedürfnispyramide zugeordnet werden. Denn Bedürfniserfüllung ist Motivation. Und was motiviert uns, kreativ zu sein? Spannend!
Hier geht’s zur Hörbuch-Episode auf Youtube!
Das musste für spruchreif genügen. Also habe ich es in ein Exposé gegossen und das Vorkurs-Ticket bei meinem Wunsch-Betreuer, nennen wir ihn Professor V (denn ich habe meine Profs noch nicht gefargt, ob es okay für sie ist, hier namentlich aufzutauchen), gebucht. Das Thema wurde, unter der Bedingung, dass das Exposé in der nächsten Version etwas mehr Klarheit schaffen sollte, abgesegnet. Jippie!
Gleich nach Absenden von Exposé 2.0 hat mich eine böse Erkältung dahingerafft und gründlich lahmgelegt. Der erste Rückschlag. Dann folgte für Ticket 2 der erste große Recherchebatzen, bei dem ich mich hauptsächlich auf die unfassbar vielen Tarotdecks auf dem Markt konzentriert habe, um einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge zu erhalten und zu prüfen, ob es das Kreativitäts-Tarotdeck nicht doch schon gibt. Gibt es nicht.
Außer Tarotdecks habe ich auch einen Blick auf Coachingkarten mit dem Stichwort Kreativität geworfen. Auch in dieser Sparte gibt es nichts Vergleichbares, zumal diese Karten, ebenso wie die unzähligen Orakelkarten, kein System haben, wie es das Tarot hat. Bei einigen sind die Karten zwar in Kategorien eingeteilt, aber von der Komplexität des Tarot sind die weit entfernt. Und spielen oder sie in Legungen zu kombinieren, ist auch nicht vorgesehen. Es sind letztlich nur Impulskarten. Wie langweilig!
Faszinierend waren die Vielfalt der Tarotdecks und die Preise, für die sie teils verkauft werden. Achtzig Euro werden für etwas Ausgefallenes auf Etsy anscheinend durchaus bezahlt. Die Decks unterscheiden sich aber letztlich (fast) nur in der visuellen Gestaltung; sicher gibt jeder Autor im Deutungsbüchlein noch mal seinen Senf zur Tradition dazu, aber im Grunde liegen die Unterschiede letztlich im Geschmack. Sehr wenige Autoren ändern etwas an den Bezeichnungen. An den Hofkarten noch am ehesten. An den Farben ganz, ganz selten. Und die Großen Arkana sind mehr oder minder unantastbar. Ich bin froh, dass ich das Witches’ Wisdom Tarot habe, denn hier sind die Hofkarten anders, die Farben sind direkt nach den Elementen benannt, die Großen Arkana heißen teils anders (der Teufel ist hier zum Beispiel der Ancestor) und Phyllis Curott hat die Reihenfolge umgekehrt. Als ich das Deck wegen seiner Wolf-und-Pilz-Bildchen gekauft habe, war mir nicht klar, wie außergewöhnlich das ist.
Auch zu Druckanbietern und möglichen Kartenformaten hat mich die Recherche an dieser Stelle schon geführt, denn das Projekt soll ja hinterher auch wirklich das Licht der Welt erblicken. Da große Karten wie die des Witches’ Wisdom Tarot zum Mischen eigentlich zu groß sind, soll es etwas Kleineres werden. Das Standard-(Skat-)Kartenformat von 59 x 91 mm ist schon sehr klein; eine Kartendruckerei nennt 70 x 120 mm als Tarot-Standardformat; das Light Seer’s Tarot hat diese Größe und die liegt gut in der Hand. Auch in Sachen Verpackung und Spielanleitung gibt es mehrere Möglichkeiten. Die gründlichere Recherche und Entscheidung wurde aufgeschoben. Der Vollständigkeit halber wurde für Ticket 2 noch ein utopischer (aber motivierender) Ablauf- und Methodenplan erarbeitet.
(Hier geht’s zu den Anforderungen und meiner Abgabe für Ticket 2. schau dir mal die ganzen Tarotdecks da an!)
Konzeption
Im zweiten Ticket wurde schon überdeutlich, dass der Plan nicht funktionieren würde – denn für Ticket 3 sollte ich die Inhalte der Karten grob parat haben. Und davon war ich noch weit entfernt. Warum? Das war eigentlich das, worauf ich die ganze Zeit richtig Bock gehabt hätte. Aber ich habe im Studium gelernt, diesen Bock (Narren?) zu zügeln und eins nach dem anderen zu machen. Entsprechend hatte ich erst mal noch ein halbes Jahrhundert Recherche eingeplant. Idiotisch eigentlich, denn ehrlich gesagt stand ich auf dem Schlauch, in welche Richtung ich eigentlich recherchieren sollte. Klar. Wenn man’s in der Rückschau betrachtet …
Die Konzeptionsphase begann dann erst mal damit, Literatur zu recherchieren. Die Uni-Bibliothek ist da (oh Wunder!) nicht gerade die beste Quelle. Es gibt dort zwar einiges zum Tarot, aber nichts, was akut nützlich gewesen wäre. Aber … um meine Inhalte festzulegen und meine Kleinen Arkana auf die Reihe zu kriegen, brauchte ich mehr (halbwegs) fundierten Input zur Bedeutung und Interpretation der Karten. Tarotbücher sind zwar nicht wissenschaftlich fundiert, geben aber hoffentlich zumindest das wieder, was der Tradition des Tarot entspricht. Und wenn man gerade schon am Shoppen ist, kann man ja auch noch ein paar Karten bestellen: das Crowley-Tarot (ich hatte es nicht mehr), die Shakespeare-Karten, auf die Professor V mich gebracht hat, Karten mit Illustrationen aus der Meereswelt (wieso??) und die Art Magick-Karten, die ich in der Recherche aufgespürt hatte und die mich spontan angelacht hatten – hier geht es zumindest irgendwie um Elemente und Kreativität, auch wenn es kein Tarotdeck ist.
Die Tarotrecherche ist der eine Baustein. Der andere ist die Kreativität. Das Feld ist weit und an sich schon ein Schnittstellenthema. Selbst wenn man bei Google und in der Unibibliothek nur mal kurz gucken will, fliegen einem Psychologie, Soziologie, Neurologie und natürlich Pädagogik und sämtliche Facetten der Kunst um die Ohren. Und, etwas verstörend, überproportional viele Funde zu Kreativität in Organisationen, am Arbeitsplatz, in der Berufswelt. Gerne mit Einschlägen aus dem Design Thinking. Ich kann nicht genau definieren, wie ich dazu stehe. Auf der einen Seite finde ich es positiv, dass Kreativität in diesem Kontext als offenbar erstrebenswertes Gut betrachtet wird – aber es hat einen fauligen Beigeschmack von »Ihr sollt alle kreativer werden, damit unser Unternehmen erfolgreich ist. Aber bitte nicht zu kreativ. Und hier ist der Fünf-Schritte-und-drei-Phasen-Plan, wie das funktioniert.«
Der aufdoktrinierte Fünf-Schritte-und-drei-Phasen-Plan widerstrebt meiner Vorstellung von Kreativität. Natürlich gibt es Prozesse wie Design Thinking, die lernbar sind und gut funktionieren. Prozesse sollen ja auch ins Kreativitäts-Tarot eingebunden werden. Aber Kreativität heißt doch gerade, den Ideen und Impulsen auch mal freien Lauf zu lassen und aus Routinen auszubrechen, oder? Und genau das ist etwas, was meiner Erfahrung nach in der Arbeitsplatz-Welt gar nicht gut ankommt. Kreative können ja auch ganz schön anstrengend sein. Und Vorgesetzte, die mit echtem Wohlwollen auf (kreative) Vorschläge für Verbesserungen reagieren, sind rar gesät.
Anekdote gefällig? Ich habe mein Arbeitsleben im technischen Bereich bei Opel in Rüsselsheim begonnen. Dort gab es ein Vorschlagswesen und Mitarbeiter wurden aktiv dazu aufgefordert, Ideen einzubringen. Es gab dafür sogar Prämien. Ich habe damals, 2006 oder 2007, den Vorschlag eingereicht, dass man die Farben der Innenraumbeleuchtung als Kunde freier gestalten können sollte. Abgelehnt, braucht kein Mensch. Rund zehn Jahre später saß ich nach einer Party im nagelneuen Audi eines Bekannten und er fing ganz aufgeregt an, irgendwelche Knöpfchen zu drücken. Wie schön, man konnte die Farbe der Innenraumbeleuchtung einstellen …
ALLES HINFÄLLIG.
Aber das nur am Rande. Sagen wir einfach, ich stehe der Instrumentalisierung und Institutionalisierung von Kreativität kritisch gegenüber. Alles, was sich auf »Wie mache ich meine Angestellten kreativer?« bezieht, soll also nicht Bestandteil der Arbeit werden. Ebenso wie Kreativität in Kindergarten und Schule; natürlich ist die Förderung von Kreativität bei Kindern wünschenswert, aber das ist einfach nicht mein Fachgebiet.
Um mit der Kreativitätsrecherche zügig voranzukommen, habe ich noch einen Stapel Bücher bestellt, der hoffentlich gut zu lesen und trotzdem wissenschaftlich fundiert ist. Ganz oben auf der Liste steht natürlich (noch mal fix googeln, wie er geschrieben wird) Mihály Csíkszentmihályi. Sein Buch Flow habe ich vor einer Weile gehört, sein Buch Creativity ist unterwegs.
Während ich die Sendungsverfolgung stalke, zerbreche ich mir weiter über die Kleinen Arkana den Kopf. Den Großen vorläufig mal Titel und Themen zuzuordnen, war nicht schwer. Aber den Kleinen? Welche Farben sollen sie denn nun haben? Nach einigem Hin und Her, in dem Maslow und die Originalfarben endgültig(?) verworfen wurden, habe ich mich als Arbeitshypothese für Folgendes entschieden:
Stäbe/Wille/Feuer -> Inspiration, Spark -> FUNKEN?
Kelche/Gefühle/Wasser -> Self(care), Reflexion -> SPIEGEL?
Schwerter/Denken/Luft -> Mindset, Prozesse, evtl. Planung -> FEDERN?
Münzen/Materielles/Erde -> Umsetzung, Aufgaben -> WERKZEUGE?
Das ist noch nicht ausgefeilt, taugt aber, um erst mal damit zu arbeiten und auszuprobieren, ob sich alles zusammenfügt. Beim Konzipieren schleichen sich immer wieder an dieser Stelle ungebetene Gedanken zur konkreten Umsetzung ein: Will ich wirklich 10 + 9 + 8 … Spiegel illustrieren? Und kann ich eine Karte ernsthaft Die 5 der Werkzeuge nennen?
Basierend darauf scheint es denkbar, die Karten in Ordnungszahlen zu benennen. Die Fünf der Werkzeuge würde dann Das fünfte Werkzeug heißen. Was den Storys der Karten eigentlich viel eher gerecht wird. Und mich davor bewahrt, gefühlte tausend Spiegel zu malen. Der zehnte Spiegel kann ja auch einfach die Meeresoberfläche sein. Gefällt mir! Die Namen und Symbole stehen noch zur Diskussion. Aber so wirkt es zunächst mal stimmig. Es ist so nah am Original, dass jemand, der bereits Karten legt, die Bedeutungen ohne großes Umlernen erfassen kann. Und die Punkte Inspiration/Ideen, Self/Selfcare/Reflexion, Mindset/Prozesse und vor allem die Umsetzung im Sinne von Ins-Tun-kommen sind zentrale Themen, nicht nur für Kreative.
Tatsächlich sind die Hofkarten zunächst am einfachsten mit provisorischem Inhalt zu füllen. Die nach den neuen Farben im Licht der Kreativität ausgearbeiteten Archetypen liegen erst mal sehr nah an den Originalen. Zu nah. Um dem Ganzen etwas mehr Eigenheit zu geben und weil es nach einigen Überarbeitungen logischer erscheint, wird ihre Reihenfolge geändert. König und Königin werden vertauscht, sodass die Königinnen die Farbe abschließen. Das passt, denn ihre vorläufigen Namen Inspiration, Intuition, Intelligenz und Identität sind zumindest grammatikalisch weiblich. Man könnte sie hervorragend als griechische Musen porträtieren.*
Ob sie Königinnen oder Göttinnen heißen und wie der Rest der Schar getauft wird, ist noch nicht entschieden. Drängender scheint gerade die Frage, was die Karten eigentlich tun. Was draufsteht. Wofür sie gut sind. Thematisch passend und analog zu einer ganz frühen Idee könnten sie Aufgaben beinhalten. Ass der Kelche/Spiegel: Setz dich hin und meditier 5 Minuten. Aber mindestens 40 Karten mit Aufgaben ist zu viel. Aufgaben eignen sich hervorragend für die Münzen/Werkzeuge, die Umsetzung. Für die Kelche/Spiegel würden stattdessen Fragen zur Selbstreflexion passen. Für die Stäbe/Funken Impulse, »Sprüche« und für die Schwerter/Federn entweder Fragen, die eher der Verstand als das Herz lösen kann, oder auch konkrete Anleitungen für Kreativtechniken. Ass der Schwerter/Federn: So geht ein Brainstorming.
Die Hofkarten können der Logik folgen, dürften der Systematik nach aber auch andere Inhalte (vielleicht sogar nur Bild?) haben. Und die Großen Arkana dürfen wiederum anders sein. Sobald die Einkäufe angekommen sind und gesichtet wurden, zieht hier hoffentlich etwas mehr Klarheit ein.
* Alter, ich les das ein Jahr später und check gar nicht, was die Könige und Königinnen hier sollen … Das sind die im Tarot gängigen Bezeichnungen! Hatte ich voll vergessen.
Lass uns schon mal vorwegnehmen, dass von diesem ersten Konzept fast nichts beibehalten wurde. Die Namen der Göttinnen sind geblieben, sie heißen im Kreativ-Tarot auch tatsächlich »Göttinnen« und sie schließen die Farbreihe ab. Alles andere waren nette Ideen, aber auch nicht mehr.
Unten auf den Originalseiten siehst du schon den ersten Absatz der nächsten Episode, darin wird es dann um die Zielgruppe gehen … (Die fehlenden Seiten dazwischen sind übrigens Borne Zéro-Zéro und der Magier, die du hier in anderen Artikeln findest.)



