Während ich mich weiterhin davor drücke, irgendwas zu tun, denke ich über das Design der Karten nach. Welche Art Bilder brauchen sie? Und warum? Sollte Text draufstehen? Oder nicht? Und könnte man nicht ein Tarot gestalten, mit dem man tatsächlich Karten spielen kann?

Let go. Let flow.

Done. Zu allen Kleinen Arkana gibt es nun einen kurzen Text. Das Skelett aus Themen und Titeln hat Fleisch angesetzt und ich bin erst mal zufrieden. Nun darf es sich im weiteren Prozess entwickeln – denn was genau die Karten nun tun, was ihr faktischer Inhalt ist, ob Frage, Aufgabe, Impuls oder etwas ganz anderes, steht immer noch nicht fest. Das muss ich aushalten, es wird sich zeigen.

Die nun zusammengestellten Inhalte sind zunächst einfach das, was mir dazu eingefallen ist, was ich in dieser Hinsicht gelernt, erlebt oder beobachtet habe. Teilweise sind es Binsenweisheiten: Jeder ist seines Glückes Schmied; teilweise leiten sie sich stärker aus den allgemeinen Tarotinhalten oder den Elementen ab. Sie sind aus dem gewachsen, was ich vorher schon erarbeitet hatte, der Recherche, dem wilden Hin- und Herblättern, der Zusammenfassung in einem Wort, der Findung einer passenden Frage, der Konstruktion einer halbwegs schlüssigen Geschichte und einem logischen horizontalen und vertikalen Aufbau.

In diesem Prozess hat sich das Gleiche immer und immer wiederholt. Konzentriertes Arbeiten, denken, forschen, sich den Kopf zerbrechen, Entscheidungen fällen und alte Entscheidungen korrigieren, sich in die Elemente hineinversetzen, grübeln, tüfteln, lesen. Dann lösen. Gassi gehen, spülen, putzen, Hörbuch hören, etwas anderes tun. Der Kopf bleibt trotzdem halb im Kartenhaus zurück, er weigert sich, die ganze Aufmerksamkeit von diesem alles beherrschenden Projekt abzuziehen, und spinnt unaufhaltsam weiter. Dann wieder schreiben, dokumentieren und dabei geordnet reflektieren. Und zwar ohne den Anspruch, damit irgendetwas zu bewirken. Es geht um die Verarbeitung, nicht um das Erreichen von etwas Neuem. Und dann, wenn verarbeitet wurde und der Geist sich geordnet hat, geht es weiter. Wieder von vorne.

Ich überlege, ob der Prozess bei meinen anderen Projekten, egal ob beruflich oder privat, auch so ablief. Ich glaube schon. Es gibt immer die Phase der konzentrierten Aktion (in diesem Fall die Konzeption der Karten, bei der Gartengestaltung die Arbeit mit Hacke und Spaten); dann ein versuchsweises, widerwilliges oder verzweifeltes Lösen, eine Pause. Manchmal reicht schon Aufstehen und Kaffee kochen. Irgendwie die Aufmerksamkeit abziehen. Und dann langsam wieder annähern. Reflektieren, begleitendes Schreiben, auf Pinterest nach Beet-Inspirationen suchen, um dem näherzukommen, was man tatsächlich will oder auch nicht.

Ich bin in meinen Büchern zur Kreativität noch nicht so weit, dass ich diese Beobachtungen schon hätte abgleichen können. Und ich weiß auch nicht, ob es für dieses Projekt relevant ist. Obwohl es mich brennend interessiert. Werden auf den Kleinen Arkana Methoden oder Aufgaben stehen? Kreativtechniken? Ich glaube es immer weniger. Momentan sind es eher Qualitäten, Stationen, Puzzlestücke: Fokus – Träume – Entscheidung – Ressourcen, um mal wild aus jedem Element ein Beispiel zu nennen. In einem gelungenen kreativen Projekt oder gar einem kreativen Leben haben sie alle ihren Nutzen, ihre Daseinsberechtigung.

Aber nehmen wir den Fokus als Beispiel. Er ist die 3 der Stäbe und dem Wachstumsprozess und der Königin (= die Herrscherin) zugeordnet. Bei den Dreiern habe ich notiert: »Das Ganze nimmt Form an. Womit reagierst du?« Die Stäbe antworten: »Das geht besser!! Da geht mehr.« Und damit man aus der ersten Form mehr rausholen kann, braucht es eben Fokus. Ich habe als Karteninhalt hingekritzelt: »Ein Ziel, eine Aussicht, vielleicht ein Plan. Aus der Summe der Feuerchen, der Möglichkeiten, musst du ein großes Feuer bauen, das länger brennen kann. Und du musst darauf aufpassen.«

Es geht also nicht darum, sich einen Pomodoro-Timer zu stellen, sondern langfristig den Fokus auf einer Perspektive zu belassen und sich nicht von tausend kleinen Feuerchen ablenken zu lassen. Aber: Je nachdem, was ich gerade betrachte und worauf mein Fokus jetzt gerade liegt, kann es eben doch der Pomodoro-Timer sein, den ich mir stelle, um meinen Haushalt gebacken zu kriegen, auf den ich keine Lust habe. In Zeiten von Whatsapp und Co. sind auch fünfundzwanzig Minuten Fokus mitunter schon ein Luxus. Und der langfristige Fokus? Ein Vision Board? Ein Ziel mit mehreren Teilzielen und Meilensteinen? Selbstverpflichtung im Außen? Die Feuerchen in Form konkurrierender Ideen und Kannst-du-mal-grad-Anfragen löschen? Ja, jein, ein bisschen von allem. Kommt drauf an, worum es gerade geht.

LAAAAAAAANGWEILIG

Die Karten müssen so vage, so wenig konkret bleiben, dass sie auch in Kombination, Stichwort Legesystem, funktionieren und den User weiterbringen. Das ist an sich schon schwer, denn in diesem, wie auch in jedem anderen Deck, widerspricht sich ja vieles. Die eine Karte verheißt ewige Jugend und Glückseligkeit, die andere Verderben und totale Finsternis. In meinem Deck ist es weniger krass, denn zumindest steht nicht eine Karte für Karriere und die nächste für die Liebe. Zusätzlich habe ich versucht, ich erwähnte es bereits, die Karten möglichst neutral zu halten. Nicht gut und schlecht, nicht ja oder nein, sondern einfach ein Thema, ein Puzzlestück, das man von seinen verschiedenen Seiten betrachten kann.

Fokus klingt erst mal schön und wichtig. Kann aber auch Scheuklappen bedeuten. Die Kamera stellt auf einen Punkt scharf, der Rest versinkt in Unschärfe. Es gibt andere Karten, die zum Dranbleiben anhalten – und zum Loslassen. Für langfristigen Fokus braucht man beides und die Kunst ist, sie zu mischen. Und zu wissen, wann was an der Reihe ist. Und dafür gibt es keine Aufgaben und Techniken, das kann man nur für sich selbst entscheiden und erleben. Es gibt Tipps & Tricks zum Dranbleiben und zum Loslassen wie Sand am Meer. Lass dir ein schönes Bad ein und entspanne bei einem guten Buch. In Varianten habe ich diesen Satz bestimmt schon tausendmal gelesen oder gehört und mal abgesehen davon, dass mir die Badewanne schmerzlich fehlt, finde ich ihn auch prima. Er hat mir aber noch nie beim Loslassen geholfen und ich persönlich fühle mich leicht veräppelt, wenn ich nach Lösungen für die großen Probleme des Lebens suche und mir irgendein unmotivierter Autor einen Abend in der Badewanne empfiehlt. Das ist zu konkret und passt in diesem Fall nicht zu meinem Anliegen.

Kartendesign für Empowerment

Auf der anderen Seite dürfen die Karten aber auch nicht zu vage bleiben, weil sie sonst ebenso nutzlos sind. Bei der Loslassen-Karte, der 8 der Kelche, habe ich notiert: »Vieles können wir nicht erzwingen oder herbeisehnen. Und wir müssen auch nicht alles festhalten und steuern. Wir dürfen loslassen. Der Fluss fließt zum Meer, die Planeten drehen sich um die Sonne. Alles ist gut, also lass einfach los, lass es sich fügen. Let go. Let flow.« Das ist besser als die Badewanne, ist mir aber noch zu vage, zu wenig greifbar. Mein Ziel ist eher, den User dazu anzuregen, wie er denn zum Loslassen steht, wie es ihm damit geht. Ob das überhaupt möglich ist. Dann dämmert ihm vielleicht, dass Loslassen schwierig sein kann. Angst vor Kontrollverlust. Und erst mit dieser Erkenntnis können Loslassen und das entspannte Schaumbad funktionieren.

Diesen Transfer hinzukriegen, also die hingekritzelten Notizen passend zu formulieren, wird der nächste Schritt in den Kleinen Arkana. Aber ich glaube, ich kann ihn erst gehen, wenn ich eine klarere Vorstellung von der visuellen Gestaltung habe. Wird auf den Karten Text stehen? Oder nicht? Für den Text spricht die einfachere Interpretation der Karten. Gegen den Text auch. Sobald der Text auftaucht, gibt er dem User eine konkrete, unwiderrufliche Denkrichtung. Sagen wir, ich bilde auf der Loslassen-Karte jemanden ab, der entspannt im Schaumbad liegt. Bestenfalls ist das Bild so entspannend und beruhigend, dass sich beim User Entspannung einstellt. Im Deutungsbuch (egal, welche Form das letztlich annimmt) kann er was von Flüssen, Planeten und Badewannen lesen – oder auch nicht. Mit jedem Mal, wenn er die Karte zieht, kann er sich mehr von der gelesenen Deutung lösen und mehr für sich selbst reflektieren, was Loslassen für ihn jetzt gerade in seiner Situation bedeutet.

Schreibe ich aber auf die Karte etwas von Planeten oder Schaumbädern, kann der User die Karten niemals verwenden, ohne dabei meine Interpretation zu lesen. Der rationale Verstand, den wir zum Lesen brauchen (gemeinhin der linken Gehirnhälfte zugeordnet) springt an, erdrückt vielleicht die weniger bewusste, intuitivere Wahrnehmung der visuellen Inhalte. Ich diktiere dem User letztlich etwas, entmündige ihn ein Stück in seiner Interpretation. Als würde ich ihm nicht zutrauen, seine Karten selbst zu interpretieren. Das ist das Gegenteil von Empowerment, das Gegenteil von dem, was ich erreichen will.

Ein spielbares Tarot?

Wenn ich es so aufschreibe (geordnete Reflexion!) ist die Entscheidung ja eigentlich schon gefallen. Auf der Karte darf maximal »8 der Kelche« beziehungsweise gemäß aktuellem Entwurf »der 8. Spiegel« und/oder »Loslassen« und/oder der kurze Impuls »Let go. Let flow.« stehen.

Ich bin ja der Meinung, dass Perfektion nicht heißt, immer mehr hinzuzufügen, sondern alles wegzunehmen, was nicht unbedingt nötig ist. Reduktion. Essenzialismus. In diesem Sinne werde ich mir vielleicht ein Symbol für die Kelche/Spiegel überlegen oder irgendein grafisches System, sodass auf der Karte nur noch das Bild und irgendwie die Zahl und das Element auftauchen. Vielleicht wie beim Kartenspiel in den Ecken oben links und unten rechts verteilt. Ich mag das. Mochte es immer. Es beruhigt mich. Und es erlaubt, dass man die Karten in der Hand auffächert und ihre Werte sieht. Es macht sie spielbar, wenn ich so drüber nachdenke. Vielleicht nehme ich sogar die Symbole aus dem französischen oder deutschen Blatt als Grundlage? Dann noch eine aussagekräftige Illustration dazu und alles Weitere, alle Erklärungen und Deutungen und Aufgaben und Was-weiß-ich wird als optionale Lektüre an eine ganz andere Stelle verbannt. Es widerspricht meiner initialen Idee, aber ich finde meine eigene Begründung hier schlüssig. Dem User die Deutungs- und Interpretationskompetenz lassen und ihm als Option Input in Textform anbieten, aber nicht aufzwingen.*

KILL YOUR DARLINGS!

Ein Teil von mir schreit laut auf, weil ich das doch gar nicht wollte und es damit letztlich ja dann doch so mache, wie alle Tarotschöpfer es gemacht haben. Nicht originell genug! Doch wieder nur eine Kopie! Ich verrate meine eigenen Ideen!

Ein anderer Teil von mir weiß, dass das Quatsch ist. Erstens muss man das Rad nicht unbedingt neu erfinden, wenn es bereits rollt. Und zweitens, und das ist für mich in der Selbstbeobachtung der wesentlich wichtigere Aspekt, bin ich selbst auf einem völligen Umweg zu dieser Lösung gekommen, nachdem ich mich in meinem Arbeitsprozess mit Alternativen auseinandergesetzt habe.

Anders gesagt: Wenn jemand fragt, warum ich mich für Karten ohne Text entschieden habe, lautet meine Antwort nicht, dass man das halt so macht oder dass mir nichts Besseres eingefallen ist. Sie lautet in etwa: »Weil ich im Prozess zu dem Schluss gekommen bin, dass mir das Empowerment des Users und die Anregung seiner individuellen Interpretation und Deutungskompetenz wichtiger sind als das allzu einfache, konkrete und vorgekaute Erfassen der sogenannten Kartenbedeutungen, die letztlich nur meine eigene Interpretation widerspiegeln«.

Ja, manchmal muss man auch die eigenen Ideen und Kopfgeburten loslassen und sich eingestehen, dass sie gar nicht so brillant sind, wie man mal dachte. Let go. Let flow.**

* Yes!!!

** Mir war hier offenbar noch nicht klar, dass ein Tarot mit französischen Farben, ein spielbares Tarot, das aber kein Tarock ist, durchaus originell ist. Ach Gott, was war ich für ein Narr. Krass, hätte ich das nicht alles kleinteilig aufgeschrieben, könnte ich mich heute sowas von nicht mehr dran erinnern. Ich bin ja beim Lesen schon richtig gespannt, was Als Nächstes passiert …

Was denkst du darüber? Vielleicht bist du Kartenleger, Poker Champion, Kartendesigner oder einfach jemand, der zufälligen auf diesen Artikel gestoßen ist. Mich würde brennend interessieren, was du über Bilder, Text, Empowerment, französische und deutsche Farben und Spielbarkeit denkst. Lass einen Kommentar da, wenn du magst!

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