Nach seiner Begegnung mit der Königin genießt der Narr ein gemütlichen Leben bei Hofe. Bis eines Tages …

IV DER KÖNIG

Es dauert gar nicht lange, da hat der Narr sich schon fröhlich am Hof des Großen Königs eingelebt. Er steht morgens mit der Sonne auf und geht abends mit der Dämmerung wieder schlafen. Er jongliert für den König und sein Gefolge und besonders die Königin erfreut sich an seinen Darbietungen. Wenn er nicht gebraucht wird, nutzt er seine Zeit, um das Jonglieren mit vier Bällen zu üben oder die Burganlage zu erkunden, die viel größer ist als die des Ehrenwerten Kleinen Königs. Auf seinen Streifzügen hat der Narr etwas gefunden, das sich Bibjoteek nennt. Darin riecht es ganz wunderbar und es ist so still, dass er sich beim Durchqueren die Mütze festhält, um nicht zu klingeln.
Das Leben bei Hofe ist einfach und schön. Es gibt immer etwas Gutes zu essen und man muss niemals frieren. Der Große König hat so viele Ritter, dass man auch niemals Angst haben muss, dass einem etwas Schlimmes passiert. Man kann jonglieren, so viel man will, und die Menschen in der Burg sind alle freundlich.

An einem verregneten Nachmittag geht der Narr in der Bibjoteek spazieren und schaut auf die Dinge – Bücher, haben sie gesagt – die sich auf den Regalen stapeln. Er hält sich die Mütze still, legt den Kopf in den Nacken, schaut in die Höhe und dreht sich leicht, um alles sehen zu können. Höher und höher reichen die vollen Regale. So hoch, dass ihm ganz schwindelig wird. Wer sie wohl gebaut hat?

Da bleibt er in seiner Drehung plötzlich mit dem Ellenbogen hängen und es passiert: Sein Schwung reißt eines dieser Bücher vom Regal, es fällt zu Boden und scheint sich aufgefaltet zu haben. Oh nein, oh nein! Es ist bestimmt kaputt. Aber … Was sind das da für Symbole, da im Inneren dieses Buches?

Während der Narr noch staunt, eilt der Bibjoteekah herbei. Zu spät, der Narr kann sich nicht mehr verstecken. Doch erstaunlicherweise ist er ganz ruhig und fragt den Narren, ob er dieses Buch ausleihen möchte. Der Narr versteht nicht und zuckt die Schultern. Es klingelt. Der Bibjoteekah legt einen Finger an die Lippen: »Psst! Kein Klingeln in der Bibliothek, bitte. Dieses Buch gehört zur königlichen Sammlung. Wir müssen den König fragen, ob du es ausleihen darfst. Komm.«
Der Bibjoteekah hebt das Buch auf und geht schnellen Schrittes in Richtung Thronsaal. Der Narr hält sich die Glöckchen und folgt.

»Euer Hoheit, Euer Narr wünscht, dieses Buch aus der königlichen Sammlung auszuleihen. Gestattet Ihr dies?«, fragt der Bibjoteekah mit gesenktem Haupt und hält dem König das Buch entgegen. Der König nimmt es mit gerunzelter Stirn entgegen. »Kartentricks und Zauberkünste – so, so. Ich hatte noch nie einen Narren, der sich ein Buch ausgeliehen hat. Ich glaube, ich hatte auch noch nie einen Narren, der lesen konnte. Aber warum nicht. Natürlich, dem Narren wird gestattet, das Buch zu leihen.«
Der König reicht das Buch an den Bibjoteekah zurück und der Bibjoteekah reicht es dem Narren. Ehrfürchtig schlägt er es auf und bewundert die Zeichen auf dem Papier.

»Du kannst nicht lesen, oder?«, spricht der König ihn an.
»Ich weiß nicht, Euer Hoheit. Was heißt das?«
»Lesen. Buchstaben und Texte verstehen. Wie sie in einem Buch vorkommen«, sagt der König und nickt in Richtung der falsch herum aufgeschlagenen Seiten.
»Nein, Euer Hoheit. Ich verstehe nichts. Ich bin nur ein Narr. Aber mir gefallen diese Bilder gut. Sie sind bunt und schön. Und ich glaube, ich habe sie schon mal gesehen. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nichts.«
»Nun gut, Narr. Ich hatte mich schon gefreut, dass du dir mithilfe des Buches Kartentricks und Zauberkünste aneignen wolltest, mit denen du uns künftig unterhalten kannst. Aber ich habe mich wohl geirrt. Wenn du nicht lesen kannst, dann bringt es nichts.« Der König schüttelt resigniert den Kopf.
Der Narr versteht nicht recht: »Ich weiß nicht. Wenn ich lesen kann, kann ich dann auch Zauberkünste?« Zauberkünste. Zauberei. Zauberer. Und Kartentricks. Hat das etwas mit dieser Karte zu tun, die ihm die Königin bei seiner Ankunft gab? Kartentricks. Was sagte der Magier noch? Trickser. Kann man mit einem Buch Zauberer werden?

»Bibliothekar, bring dem Narren lesen bei. Ich hätte wirklich gerne wieder einen Hofzauberer und meine Gemahlin würde sich auch so sehr drüber freuen. Man findet ja heutzutage keine guten mehr. Zeig ihm, wie man liest. Er soll bei dir lernen. Hier, Narr, ich schenke dir ein Lesezeichen. Das brauchst du, damit du nicht vergisst, wie weit du schon gekommen bist.«

Gleich am nächsten Morgen geht der Narr zu seinem allerersten Unterricht in die Bibjoteek. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten lernt er das Alphabet und leiht sich mit dem Segen des Königs einfache Bücher aus der Bi-bli-o-thek aus, um mit ihnen zu üben. Langsam, ganz langsam, traut er sich auch an Kartentricks und Zauberkünste heran. Es ist ein schwieriges Buch mit langen Sätzen, bei denen man zwischendurch manchmal vergisst, wie sie angefangen haben. Und es kommen sehr merkwürdige Wörter darin vor. Es ist nicht leicht zu verstehen.

Der Narr lernt, was Karten sind. Kleine Stücke aus festem Papier mit Zahlen und Buchstaben und Zeichen und Bildern darauf. Manche sehen fast gleich aus, manche ganz verschieden. Es gibt sogar Karten, auf denen Menschen mit Klimpermützen abgebildet sind, die aussehen wie er! Und mit diesen Karten kann man ganz vieles machen. Kartentricks zum Beispiel. Und wenn man Kartentricks kann, dann ist man fast ein Zauberer. So hat der Narr es zumindest verstanden. Ob es stimmt, kann ihm keiner sagen. Noch nicht mal der Bibliothekar.

Und eines schönen Tages ist es soweit: Das Lesezeichen liegt ganz hinten im Buch. Der Narr würde gerne seine ersten Kartentricks probieren. Aber wie soll das ohne Karten gehen? Er kramt in seinen Hosentaschen. Was er bisher außer Kastanien, Muscheln, Steinen und Federn auf seiner Reise gesammelt hat, die Papierstücke, sind offenbar diese Karten. Aber es sind nur vier. Er sucht den König auf und beichtet ihm sein Problem: »Euer Hoheit, ich kann nun lesen und ich habe verstanden, wie Kartentricks funktionieren. Doch ich kann sie nicht vorführen, ich habe nur vier Karten, seht. Eine davon ist das, was Ihr mir als Lesezeichen gabt. Habt Ihr noch mehr davon? Dann könnte ich Euch Kartentricks vorführen.«

Da wird der König ganz traurig. »Nein. Ich hatte nur dieses eine, meine Gemahlin das zweite. Es waren Geschenke unseres ehemaligen Hofzauberers, die er uns übergab, als er uns verlassen musste, um weiterzuziehen. Ich weiß nicht, woher Zauberer die Karten bekommen. Ich habe einmal gehört, sie bekämen sie zum Abschluss ihrer Zaubererprüfung an der Zaubererakademie. Eine andere Geschichte besagt, dass sie die Karten am Ende der Welt, bei den Feuerbergen, im Schoß der Erde, auf den luftigsten Gipfeln und in den tiefsten Wassern finden. Wieder eine andere, dass sie die Karten selbst herbeizaubern. Aber wie soll das gehen? Niemand weiß es. Jetzt wissen wir beide nicht mehr weiter. Meine Gemahlin wird traurig sein.«

»Mein König«, traut sich der Narr zu sagen, »lasst mich die Karten suchen gehen. Ich habe schon vier Stück. Seht, daraus kann ich schon das Erdgeschoss eines kleinen Kartenhauses bauen. So geht es. Und ich kenne einen Magier. Ich muss ihn nur finden, er kann mir bestimmt sagen, wie man Karten bekommt. Ich habe ihn damals am Hof des Ehrenwerten Kleinen Königs getroffen. Vielleicht kann ich ihn dort wieder finden.«

»Gut«, spricht der König, »so soll es geschehen. Zieh los und finde den Magier. Beeil dich und richte dem Ehrenwerten Kleinen König meine Grüße aus. Durch das Tal, durch das du gekommen bist, dauert es aber zu lange. Nimm die Abkürzung durch die Berge. Das geht schneller, wir warten auf dich. Mögen die Götter dich beschützen.«

Noch ehe der Narr etwas erwidern kann, öffnet sich die Pforte des Thronsaals mit einem Quietschen und der Narr weiß, dass es Zeit ist, aufzubrechen.

Armer Narr! Wie soll er nur diese Karten finden? Es ist wie im echten Leben: Gerade bist du zur Ruhe gekommen – und schon rüttelt dich irgendetwas wieder auf. In der nächsten Episode, auf seinem Weg durch die Berge, wird der Narr dem Wächter gegenübertreten müssen …

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