Woher kommt die Inspiration und was zur Hölle ist Talent? Braucht das jemand? Und was ist mit dem IQ? Ich lese Steven Pressfields großartiges Buch The War of Art und mache mir so meine Gedanken.
Buchrezension
Yeah! Ich habe Ticket 3 erledigt und konnte, denke ich, meine bisherige Arbeit schlüssig erklären. Ich habe das Go für die nächsten Schritte.
Und nun schaffe ich es endlich, mich mal tiefer mit meinen Büchern zur Kreativität auseinanderzusetzen. Ich entscheide mich für Pressfields Klassiker The War of Art. Break Through the Blocks and Win Your Inner Creative Battles. Es ist klein und dünn und man kann es an einem Nachmittag lesen. Hatte es jahrelang auf der Leseliste. Das Vorwort haut mich um: Darin schreibt Robert McKee, dass es in diesem Buch eben um »Resistance«, also Widerstand geht, den Gegner der Kreativität. McKee setzt den Widerstand mit Freuds Death Wish, Todeswunsch, gleich. Und ich dachte meine Theorie vom inneren Kind gegen den Rest der Welt wäre unhaltbar.
McKee erläutert, dass er und Pressfield sich in der Frage nach dem Ursprung der Inspiration uneinig sind; Pressfield sieht ihn, anders als den Widerstand (etwas Genetisches, Evolutionäres), als etwas von außen, etwas Göttliches an. McKee dagegen verortet auch den Ursprung der Inspiration in der Genetik und nennt ihn Talent: »the innate power to discover the hidden connections between two things – images, ideas, words – that no one else has ever seen before, link them, and create for the world a third, utterly unique work.«. Er vergleicht es mit dem IQ und verortet die Inspiration im Unbewussten. (Pressfield, 2012, Foreword)
* Echt? Mittlerweile ist das für mich unzweifelhaft die Wahrheit.
Das Buch hat mich stellenweise sehr gecatcht und in meinen Thesen und Ansichten zur Kreativität, zum Künstlertum und zum Menschsein an sich bestärkt. Und teilweise ist mir die Aufmerksamkeit abhanden gekommen, ich geb’s zu. Einigen Dingen, zum Beispiel, dass Kinder bereits mit fester Identität geboren werden (S. 145) stimme ich gar nicht zu. Aber, Fazit: Das Buch ist es absolut wert, gelesen und bedacht zu werden.
Ich bin froh, dass ich die Lektüre(n) bisher voller Widerstand aufgeschoben habe, und ich verstehe jetzt auch, wieso. In dem Buch kamen unter anderem Freud, Jung, Odysseus, Campbell, die Musen vor und von Arena und Kritikern war auch die Rede. Und in einem Plato-Zitat sogar noch von der Besessenheit von den Musen (S. 113).
Das sind alles Dinge, die hier in dieser Doku auch schon teils sehr ausführlich behandelt wurden. Aber ich habe sie nicht in einem Buch zur Kreativität (oder zum Tarot) abgeschrieben, ich bin auf meinen eigenen Umwegen dorthin gekommen. Das Ergebnis mag das Gleiche sein, aber mein Umweg und seine Dokumentation waren enorm wichtig für mich. Ich kann es noch nicht sicher sagen, aber vielleicht sind sie das Herzstück dieser Arbeit.* Klar, dafür sind es jetzt auch schon rund 164.500 Zeichen. Aber was ich getan und dokumentiert habe, ist letztlich das, was McKee Talent nennt. Ich habe Verbindungen gezogen und etwas Neues draus gemacht. Und ich kann mir sicher sein, dass es wirklich meins ist.
Pressfields Buch hat mir wieder vergegenwärtigt, wie komplex und vielschichtig das Thema Kreativität ist – wenn schon Freud und Plato mit drinhängen, muss es ne große Sache sein. Mir sind zwischenzeitlich auch noch tausend Aspekte eingefallen und einige der Konversationen, die sich aus meiner Miniumfrage ergeben haben, führe ich nach wie vor weiter. Egal, wie viele Bücher zur Kreativität ich nun lese oder nicht lese und wie viele Leute ich frage oder nicht frage: Es werden immer neue Aspekte auftauchen und mein Tarot wird sie nicht abdecken und für alle Kreativen und all deren persönliche Herausforderungen der Heilige Gral sein.
Das Gute ist, dass ich mich auch während der weiteren Arbeit weiter mit dem Thema auseinandersetzen kann und auch über die Bachelorarbeit hinaus daran forschen kann. Vielleicht ergründe ich ja irgendwann in Freuds Fußspuren den Ursprung der Besessenheit und schreibe das Exorzismus-Buch, das gewünscht wurde. Vielleicht fördern die anderen Bücher auch noch Erkenntnisse zutage, die mir nicht nur theoretisch, sondern auch hier, ganz praktisch, bei meiner Thesis weiterhelfen. Nun habe ich auf jeden Fall Lust, sie zu lesen, und bin bereit für den 2. Akt.
* Ja. Sind sie.
THE WAR OF ART
Pygmalion-Effekt
Der Vollständigkeit halber noch eins: Um McKee zu zitieren, musste ich zwei Begriffe verwenden, die ich bisher bewusst außen vor gelassen habe. Erstens den IQ beziehungsweise die Intelligenz und zweitens das Talent. Beide kommen einem immer mal wieder unter, wenn es irgendwie um Kreativität geht.
Intelligenz, die wir als Intelligenzquotienten (IQ) angeben und per Test auch messen können, betrachtet McKee als vererbt. Ich habe mich vor einigen Jahren ausgiebig mit dem Thema befasst. Meinem Kenntnisstand nach stimmt das so nicht. Ich habe mal gelesen, dass der IQ wahrscheinlich ein Stück weit eher über die Mutter vererbt wird, dass aber auch Umwelt und Prägung ihren Anteil haben. Dazu gab es mal ein Experiment, in dem Lehrern gesagt wurde, die Kinder a, b, und c würden demnächst einen IQ-Sprung machen oder so (Bloomers); die Lehrer verhielten sich entsprechend und versuchten, diese Schüler in ihrer Entwicklung zu unterstützen und bei der nächsten Testung war der IQ genau dieser Schüler tatsächlich gestiegen. Nennt sich Pygmalion-Effekt.
Wie beim Alkoholismus scheint es also auch beim IQ eine gewisse Prädisposition zu geben – und den Rest regelt das Leben.
Wichtig. Man kann es nicht oft genug sagen. Intelligenz ist nicht Wissen oder Bildung. Intelligenz, so wie wir sie messen und verstehen, ist die Kapazität und damit Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. Einen IQ-Test kann jeder lösen, sogar mein Hund. Was aber im Testergebnis zählt (zumindest bei Erwachsenen, bei Kindern weiß ich es nicht), ist die Anzahl korrekter Antworten in einer vorgegebenen Zeit.
…….Keine Quellen. Ich finde das in meinem Kopf. Kann falsch sein.
TALENT
Und nun zum Talent. Ich hasse den Begriff. Manchmal wird er mit Begabung gleichgesetzt, was es noch komplizierter macht; wenn von Hochbegabung die Rede ist, ist damit normalerweise der IQ >130 gemeint und kein Talent. Zusätzlich werden Talent und Begabung gerne im Zusammenhang mit kreativen Tätigkeiten (im alltäglichen Sprachgebrauch also oft künstlerischen Tätigkeiten) verwendet. Was bei all dem herauskommt, ist ein im wahrsten Sinne des Wortes undefinierbarer Brei: Ich bin nicht kreativ, weil ich nicht intelligent genug bin und deshalb habe ich auch kein Talent zum Malen. Oder ich habe zwar künstlerisches Talent und bin total kreativ, aber wahrscheinlich dumm, weil ich kein Mathe kann. Alles schon gehört.
Meiner Meinung nach kann man auch ohne besondere Intelligenz kreativ sein. Wobei höhere Intelligenz wahrscheinlich mehr Ideen bedeutet und Kreativität dadurch vielleicht wahrscheinlicher wird. Mein Kenntnisstand ist, dass die Wissenschaft weder Kreativität noch Intelligenz völlig durchschaut hat – von der Verbindung der beiden ganz zu schweigen. Talent und Begabung ist noch schwammiger. Ich habe mich künstlerisch nie für talentiert gehalten. Schon als Kind nicht. Ich habe meine Bilder gehasst, weil sie meinen Ansprüchen nie genügt haben. Ist immer noch so. Und dann sehe ich Menschen, denen das wahnsinnig leicht zu fallen scheint und die wahnsinnig toll malen. Talent? Oder haben sie einfach noch viel mehr Zeit investiert als ich?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir das Können, die Fertigkeiten, anderer gerne mit Talent oder Begabung erklären. Das ist fies, denn es wertet wahrscheinlich die harte Arbeit des anderen ab (in Meisterschaft steckt immer jede Menge Arbeit!), gleichzeitig versperre ich mir vielleicht eine Tür »Ich hab ja eh kein Talent, also muss ich es erst gar nicht versuchen« und entschuldige gleichzeitig meine weniger guten Ergebnisse oder mein mangelndes Durchhaltevermögen.
Kurz gesagt: Talent und Begabung sind noch weniger greifbar als die Kreativität und ich möchte sie nicht in die Diskussion und diese Arbeit einfließen lassen. Ich bevorzuge den Begriff Neigung. So habe ich das, was andere bei mir als Talente bezeichnen, für mich irgendwann definiert; Dinge, die mich interessieren und mit denen ich mich beschäftigen will, was zu Motivation und Initiative führt und in den nächsten siebenhundert Schritten dazu, dass ich in diesen Dingen einigermaßen gut werde – wenn ich lange und intensiv genug dranbleibe, übe, verfeinere. Wie Talent hat sich für mich nichts davon jemals angefühlt. Nichts.
Intelligenz ist zwar messbar, sollte meiner Meinung nach aber aus allen Diskussionen, bei denen es nicht explizit um Intelligenz geht, herausgehalten werden, weil es sonst oft zu Missverständnissen kommt.
Es mag zwischen all dem Zusammenhänge geben, ich weiß es nicht und werde dem an dieser Stelle nicht nachgehen. Mein Credo lautet, dass wir alle von Natur aus kreativ und inspiriert sind und dass es uns freisteht, unsere Kreativität auszuleben. Was McKee als Talent und Ursprung der Inspiration bezeichnet, ist für mich der mysteriöse Funke vom Magier, Prometheus oder dem Obstbaum, der uns Menschen eben zum Denken, zum Schaffen, zum Streben antreibt. Ich stimme ihm zu, dass er in uns sitzt, irgendwo in diesem großen Unbewussten, das wir ja per Definition schon nicht wirklich begreifen können.
Also, was denkst du zu Inspiration, Talent und IQ? Mich würde brennend interessieren, ob du dich in deiner Arbeit oder deiner Kunst talentiert fühlst … Und wie du mit dem Widerstand umgehst! Lass einen Kommentar da 🙂
Und lies Pressfields Buch! Je öfter ich es lese, desto mehr liebe ich es. (Es ist unter dem Titel The War of Art auch auf Deutsch erschienen.)



