Hier kommt ein echtes Projekt (das nichts mit Spielkarten zu tun hat) – was zu der Frage führt, wieso kreative Ideen so oft kritisiert und abgewertet werden … Ich hätte da eine Erklärung, die dir vielleicht dabei helfen kann, deine kreativen Dämonen zu besiegen.
Man in the Arena
Kurzer Talk mit dem Oberkreativen. In etwa einer Stunde haben wir neben 74 anderen Themen auch über das neue Mobiliar der Campinggaststätte gesprochen, die gerade ein Makeover erhält. Die Makeover-Details sind komplex, reichen von Abriebklassen über Akustik bis zu Kunst und tun hier wenig zur Sache. Interessant ist vielmehr, dass wir absichtslos, es ging nämlich gar nicht um das Mobiliar, irgendwann in spinnerten Höhen auf die supersimple Idee kamen, einfach die alten und altmodischen Tische und Stühle zu streichen und neu zu polstern, statt für Unsummen neues Mobiliar zu kaufen und das alte zu entsorgen. Ich sehe die hellresedagrünen Stühle schon vor mir und weiß, dass es richtig ist. Ich will diese Vision wahr werden lassen. Am liebsten sofort zum Schleifklotz greifen und mir das erste Stuhlbeinchen vornehmen.
Die Alternative ist, einfach neue Tische und Stühle zu kaufen, wie sie in jeder Bäckereikette stehen. Letzteres macht weniger Arbeit, die Ressourcen der beteiligten Personen wären für vernünftigere Projekte frei. Es ist tendenziell auch frustfreier, man muss sich nicht mit Schleifstaub, Lack-Triefnasen und unvorhergesehenen Katastrophen rumplagen. Es geht schneller. Sauberer. Das Ergebnis ist vorher klar, hat man ja im Möbelkatalog gesehen. Sichere Sache. Der Gastraum wird trotzdem wunderschön und die Gäste staunen trotzdem begeistert.*
Welche von beiden Optionen nun sinnvoller, nachhaltiger, wirtschaftlicher ist, darf diskutiert werden. Für mich steht fest, dass erstere kreativer und damit sowohl beglückender als auch frustrierender ist. Unsere Möbel-Unikate! Unser Design! Und zehntausend selbstgeschaffene Probleme, die ein gemütlicher Trip zu Ikea hätte verhindern können.
…….verweist auf Theodore Roosevelt
* Genau so kam’s. Mir blutet das Herz.
Und ich frage mich wieder: Wozu der Aufwand? Was ist der Antrieb? Ikea hat tolle Stühle und der Campingplatz verdient garantiert keinen Cent mehr, nur weil wir Tische und Stühle upcyceln. Meine aktuelle Theorie? Erstens: der Gotteskomplex, die eigene Schöpfung. Die Saat ist in Form einer »tollen« Idee gesät, jetzt will man sie auch aufgehen und wachsen sehen (ernten nicht vergessen!). Zweitens: das Streben nach Perfektion. Das geht besser! Upcycling ist besser als Neukauf und unsere selbst gemachten Stühle passen besser in den Raum als die von Ikea. Oder was auch immer. Aber hätte der Kreative nicht in irgendeiner Weise den diffusen Eindruck, dass er es besser kann, würde er es lassen, oder? Und es geht wohl weniger darum, es anderen zu beweisen, als es sich selbst zu beweisen. Wenn ich es jetzt in einem Wort zusammenfassen muss: Selbstverwirklichung. Wir sind zurück bei Null, Maslow und die Pyramide.
Es klingt so egoistisch. Was ist mit der Selbsttranszendenz, dem Mehrwert für die Gesellschaft, dem Beitrag zum Gemeinwohl und zur Zukunft der Welt? Ich glaube, das gehört dazu, ohne dass man es explizit nennen muss. Mir ist noch kein Kreativer untergekommen, der Dinge nur für sich ganz persönlich perfektionieren wollte. Wenn ich an die neue Bestuhlung denke, denke ich an eingespartes CO2 und Wasser für Produktion und Transport der Neuware (ob das so nun stimmt oder nicht). Ich denke an den Erhalt alter Werte und ich denke vor allem an einen wunderschönen, inspirierenden und gleichzeitig beruhigenden Raum, in dem die Gäste sich wohlfühlen, ihr Essen und ihren Urlaub genießen, sich plötzlich vielleicht selbst zum Upcyceln berufen fühlen und damit Ressourcen schonen und ihre eigene Kreativität entdecken. Jeder selbstgestrichene hellresedagrüne Stuhl hat in meinen Tagträumen das Potenzial, das Schicksal der Welt zum Guten zu wenden. Denken andere genauso??
Ich weiß es natürlich nicht sicher, aber ich glaube es. Denn wir sind neben allem Streben nach Individuation vor allem eines: Herdentiere. Wir brauchen Zugehörigkeit, wir brauchen die Gemeinschaft. Selbst so misanthropische Einsiedler wie ich. Meine erste Persona, Ann-Kathrin, malt Grußkarten. Klar, zum einen macht ihr das Entwerfen und Malen Spaß und sie freut sich über ihre fertigen Karten. Aber sind wir ehrlich: Das reicht nicht. Grußkarten sind zum Verschenken da. Sie will, dass andere Menschen ihre Karten so schön finden, dass sie sie an andere verschenken und denen wiederum damit den Tag versüßen. Ist das geglückt, ist ihr Bedürfnis nach Anerkennung vielleicht befriedigt. Ego. Gleichzeitig hat sie aber auch einen Beitrag zur Freude anderer Menschen geleistet. Einen Mehrwert geschaffen.
Spinnerei
Wir würden nicht nach Perfektion streben, wenn uns die Welt egal wäre.
Man kann es weitertreiben: Findet das eigene kreative Ergebnis in der Welt da draußen keinen Anklang, nehmen die Selbstzweifel zu, der unverstandene Künstler stürzt sich von der Brücke. Oder traut sich wegen dieser Aussicht erst gar nicht, sein kreatives Potenzial nach draußen zu tragen. Irgendwann braucht die Kreativität die Bestätigung von außen. Und die kann es nur geben, wenn das Außen, die Gemeinschaft, das kreative Produkt als bereichernd einstuft. Und das wiederum kann nur passieren, wenn der Kreative etwas erschafft, das zumindest subjektiv für andere Mehrwert schafft. Glühbirnen, Grußkarten, die Mona Lisa, resedagrüne Stühle. Wir würden nicht nach Perfektion streben, wenn uns die Welt egal wäre. Behaupte ich.
Während ich tippe, erreicht mich auch schon die erste Kritik am Stuhllackierprojekt. Nicht unberechtigt. Es wird unendlich viel Zeit kosten, die dann für Wichtigeres fehlt. Immer das gleiche Thema. Stühle upcyceln ist eben doch nur brotlose Kunst, irgendwas schön machen. Schlag dir die Flausen aus dem Kopf, komm mal wieder runter, denk doch mal vernünftig. Es macht mich unendlich traurig. Hätten wir uns alle immer schön vernünftig die Flausen aus dem Kopf geschlagen, würde die Sonne heute noch um die Erde kreisen.*
Woher kommt die Kritik? Und warum scheint, wenn es um Ideen geht, die Bereitschaft zu kritisieren so viel größer als die, zu ermutigen? Ich habe mich damit in der Vergangenheit schon intensiver befasst, nachdem mir aufgegangen ist, wie schmerzhaft es für mich mein Leben lang war, dass meine Flausen nicht ernst und wichtig genommen wurden. Dass mich eben niemand er-mutigt hat, an meinen Ideen und meinen Leidenschaften dranzubleiben. Dass es hart war, den Mut trotzdem irgendwo zusammenzukratzen.**
* Grad die Tage sagte jemand mal wieder zu mir »Du hast aber schon ne blühende Fantasie …« … mit diesem Unterton … Ich hass das. Es macht mich wirklich traurig.
** Bäm. Trauma-Alarm.
Es ist ein Freud-Ding. Klar.
Antwortversuch? Angst. Vielfältige Formen der Angst. Wenn man jemanden ermutigt oder sogar unterstützt und derjenige scheitert … dann scheitert man mit. Hat man die Flause von vornherein abgewertet, bleibt einem hinterher wenigstens die Genugtuung von »Ich hab’s dir doch gesagt«. Die eigenen Ängste und Mangelgedanken werden auf den Kreativen projiziert. Mir kommt ein Blogartikel in den Sinn, den ich vor fast zwei Jahren geschrieben habe. Da ging es für mich noch nicht um Kreativität, sondern um Mindset und das Leben im Allgemeinen. Ich habe damals Brené Browns Dare to lead gelesen und bin so auf Theodore Roosevelts Rede Citizenship in a Republic gestoßen, in der vom Man in the Arena die Rede ist, der kämpft und vielleicht scheitert, vielleicht siegt. Und von den scheuen Seelen der Kritiker auf den Tribünen, die weder Sieg noch Niederlage kennen. (»Citizenship in a Republic«, 2024)
Trommelwirbel. Ich zitiere mich zum ersten Mal selbst: »Vielleicht will dich jemand einfach etwas unbeholfen vor einer idiotischen Entscheidung bewahren. In meiner Erfahrung tut diese pseudowohlgemeinte Durch-die-Blume-Kritik tatsächlich oft genau das: Sie bewahrt dich vor Entscheidungen. Ob idiotisch oder nicht, ist egal. Der Grat zwischen idiotisch und brillant ist ja bekanntlich sehr schmal.« (Lorenz, 2022) (geil, oder?)
Wenn der Kritiker dem Kreativen, wohlwollend oder nicht, sagt, er soll sich die Flausen aus dem Kopf schlagen, und der Kreative hört auf diese vermeintliche Stimme der Vernunft, dann … wird die Kreativität zum Dämon. Zum Es. Und der Kritiker zum Über-Ich. Das rebellische innere Kind gegen die Erwachsenen. Der Narr gegen den Rest der Welt. Ein innerer Wettstreit, denn es ist eben keine Entscheidung gefallen und die Entscheidung aus vollem Herzen ist nun nicht mehr möglich. Der Kreative entscheidet sich nicht mehr für oder gegen seine Idee, für oder gegen sein Konzept, dass es noch gar nicht gibt – mit Auftauchen des vernünftigen Kritikers mit seinen möglicherweise rationalen Argumenten von Zeit, Ressourcen und Relevanz entscheidet er sich für oder gegen die Vernunft und die Welt der Erwachsenen. Die eigene Idee, die eigene Vision wird zur Illusion, zum Tagtraum, zum Luftschloss degradiert. Aber sie brennt weiter, schmerzt und sucht den Kreativen fortan als Dämon heim.
Hoppla, wo kam denn dieser Erguss her? Noch etwas experimentell, ich geb’s zu. Aber ich glaube wirklich, dass so oder so ähnlich kreative Traumata und Blockaden entstehen und die eigene Kreativität vom göttlichen Segen zum satanischen Fluch mutiert. Freud würde vielleicht von verbotenen Trieben sprechen. Und genau das ist es doch, wenn ich meine Kreativität in der Welt der Vernunft, der Einteilung in möglich und unmöglich, nicht ausleben kann.
Ich mag ein Narr sein, aber ich bin da was ganz Großem auf der Spur!
Also kommen da die Dämonen der Kreativität her? Vielleicht. Oder vielleicht nicht. Was meinst du?



