Auf seiner Heldenreise durch die Welt der Tarotkarten hat der Narr eine weitere mysteriöse Lektion zu bestehen! In diesem Kapitel seiner Heldenreise trifft er die »Hohepriesterin« – die ist jedoch wenig priesterlich …
II DIE NIXE
Viele Tage vergehen, in denen der Narr einen Fuß vor den anderen setzt, um … Ja, warum eigentlich? »Geh los«, sprach die Stimme. Das hat er getan. Und jetzt? Jetzt geht er los. Immer wieder. Es wird Tag und es wird Nacht. Manchmal ist es dunkel und manchmal ist es hell. Wenn er Hunger bekommt, pflückt er sich Beeren. Er schaut der Landschaft zu und manchmal holt er seine bunten Bälle hervor und jongliert, während er geht, und geht, während er jongliert.
Als er eines Nachts vom vielen Gehen und Jonglieren durstig wird, hört er in der Ferne Frösche und beschließt, den Weg zu verlassen, um in Richtung der Frösche zu laufen. Wo es Frösche gibt, da gibt es auch Wasser. Der Mond steht am Himmel, sodass der Narr sehen kann, wohin er tritt. Bald hat er das Ufer eines Sees erreicht und beginnt, ihn zu umrunden, um eine Stelle zu finden, an der er trinken kann. Das Ufer ist verschlungen und verwachsen und wären die Frösche nicht, dann wüsste er gar nicht mehr, auf welcher Seite nun Wasser und auf welcher Land ist. Es ist wie ein Labyrinth.
Irgendwann treten seine Füße auf hartes Gestein und je weiter er dem felsigen Untergrund folgt, desto leiser wird das Quaken. Schließlich verstummt es ganz und weicht einem trägen Tropfen. Der Narr ist in einer Höhle und vor sich sieht er im schwarzen Fels eine Wasserfläche, die von unten zu leuchten scheint. Wie kann das sein? Das Wasser sieht klar aus und der Narr beugt sich hinunter, um zu trinken. Das tut gut. Als er sich auf die Fersen sinken lässt, meint er, über das Tropfen eine Art Kichern zu hören. Oder waren das seine Glöckchen? Ein Echo? Seltsam.
Da trifft ihn etwas Nasses mit voller Wucht. Er verliert das Gleichgewicht, fällt klingelnd nach hinten und liegt flach auf dem glatten Fels mit einem fremden Gewicht auf seiner Brust. Das Gewicht kichert.
Hier geht’s zur Hörbuch-Episode, in der du auch die Zeichnung der Karte in Adobe Fresco sehen kannst.
»Hey, was … was soll das?« Nasse Hände berühren sein Gesicht, seinen Hals und den Saum seines Hemds. Er spürt etwas oder jemanden atmen und schafft es mit einigen Windungen und etwas Kraft, sich aufzurappeln.
Neben ihm liegt in einer leuchtenden Pfütze ein Wesen, das nicht von dieser Welt sein kann. Seine Haut schimmert. Und … es hat keine Füße. Keine Beine. Keine warme Kleidung! Der Narr weicht halb sitzend halb kriechend erschrocken zurück und da öffnet das Wesen die Augen und setzt sich auf. Seine untere Hälfte streckt es schlangenhaft zum Wasser hin aus. Es ist eine Flosse, die nun das Wasser plätschern lässt, wie Kinder es im Sommer am Bach mit ihren Zehen tun.
»Du bist da«, sagt das Wesen mit zarter Stimme.
»Ich bin … du bist … Zauberding«, stammelt der Narr.
Das Wesen lächelt nachsichtig. »Kein Zauberding. Ich bin eine Nixe, und eine einsame obendrein. Und du bist ein Reisender, der noch ganz am Anfang seiner Reise steht. Was machst du hier unten?«
»Trinken. Ich wollte trinken. Ich bin losgegangen, um Zauberer zu werden, glaube ich.«
»So so, Zauberer. Hat der Magier dich losgeschickt?«
»Äh. Ja. Aber ich weiß nicht, wohin ich gehen muss und was ich tun muss, um Zauberer zu werden. Ich erinnere mich nicht mehr.«
»So ist das immer, mach dir nichts draus. Aber du hast deinen Weg gefunden, wie alle Reisenden.«
»Wie habe ich das gemacht?«
»Indem du losgegangen bist und auf deine innere Stimme vertraut hast. Sie hat dich zu mir in die Höhle geführt.«
»Innere Stimme? Und ist das der richtige Weg? Bin ich hier richtig, um Zauberer zu werden?«
»Hm. Das weißt du besser als ich. Schau dich um. Was siehst du?«
»Zauber? Leuchtendes Wasser? Ein Zaubermädchen mit einer Flosse?«
»Na ja, fast. Nixe, bitte. Und würdest du sagen, dass dies ein guter Ort ist, um Zauberer zu werden?«
»Ja, ich glaube schon. Hier sieht alles so … zauberhaft … aus. Kannst du mir zeigen, wie ich Zauberer werde?«
Das Zaubermädchen zieht ein Gesicht, das der Narr nicht zu deuten weiß.
»Oh, ich kann dir vieles zeigen.« Es legt eine nasse und erstaunlich warme Hand auf die Brust des Narren. Auf einmal spürt er unter ihrer Berührung seinen Herzschlag.
»Aber nicht, wie du Zauberer wirst. Der Schlüssel zu deiner Magie liegt hier.« Ihre Hand verstärkt den Druck und sein Herz pocht härter. Für einen langen Moment sieht ihm das Nixenmädchen direkt in die Augen. Er sieht zurück und hat das Gefühl, sich im Funkeln ihrer Iris zu verlieren, zu zerfließen, zu vergehen und zu finden.
Ihre Finger beginnen, die Knöpfe seines Hemds zu öffnen.
»Hey, was machst du da?«, stammelt der Narr erschrocken.
»Na was wohl, ich ziehe deine Kleidung aus. Anders geht es nicht.«
»Geht was nicht? Hilfe! Du kannst doch nicht … Ich kann nicht …«
»Oh doch! Ich kann und ich werde.« In einer einzigen fließenden Bewegung schält sie den Narren aus seiner Hose heraus und gibt ihm einen Schubs, der ihn über den glitschigen Felsen in das eisig klare Wasser rutschen lässt. Wild rudert er mit den Armen und strampelt mit den Beinen und schnappt unter seiner Kappe nach Luft.
Das Nixenmädchen schaut geduldig zu, gleitet zu ihm und plötzlich spürt er ihre Wärme an seinem Rücken und ihre Hände auf seiner Brust.
»… schwimmen«, hustet er.
Ihr Atem berührt sein Ohr. »Ich weiß. Wer schwimmen will, muss eintauchen. Wer werden will, muss sein. Es gibt kein Licht ohne Schatten und keinen Zauber ohne Hingabe. Das ist die zweite Lektion.«
Der Sog der Stimme und des warmen Körpers zieht den Narren in die Tiefe, in das magische Leuchten des Wassers und in die Dunkelheit darunter, bis schließlich alles schwarz wird und zerfließt.
Als der Narr wieder zu sich kommt, liegt er am Rand des Wassers und friert. Die Höhle tropft, das Wasser ist still. Seine Kleidung liegt neben ihm und obendrauf liegt ein Stück Papier. Im Halbdunkel erkennt er darauf merkwürdige Zeichen.
»Zauberding?«, ruft er, doch nur das Echo der Felswände antwortet ihm. »Nixenmädchen?« Stille. Jemand hat die Kleidung gefaltet. War er das selbst? Er zieht sich an, steckt das Papierstück ein, schaut sich noch einmal in der Höhle um und wendet sich in Richtung Ausgang, zurück zum Licht.
Das war also die Hohepriesterin, die normalerweise züchtig und langweilig auf irgendeinem Thron sitzt. Der Narr ist vermutlich nicht schlauer als zuvor, doch er hat definitiv eine neue Erfahrung gemacht, die vorher seine Vorstellungskraft gesprengt hätte. Lass doch mal einen Kommentar da, was du von dieser kreativen Neuinterpretation der Hohepriesterin hältst!



