Willkommen im kreativen Chaos: Ich stecke bis zum Hals in meinem Tarot-Projekt, navigiere zwischen neuen Kartendecks, Pizzakartons und der grundlegenden Frage, ob das traditionelle Tarot überhaupt logisch ist. Dieser Prozess hat das Potenzial, mich zu ruinieren, aber er bringt auch eine völlig neue Klarheit. Begleite mich auf der Suche nach einem Tarot, das wirklich Sinn ergibt.
Das Konzept
Diese Thesis hat das Potenzial, mich finanziell, gesundheitlich und innenarchitektonisch zu ruinieren. Die restlichen Pakete sind angekommen. Ich glaube, ich werde zum Kartenmessie. Die Shakespeare-Karten und die Ocean-Karten sind so schön, dass ich unbedingt mehr Kartendecks haben will. Die Art Magick-Karten sind leider etwas enttäuschend. Ich steuere auf eine Pizzavergiftung zu, weil ich jede freie Minute in das Austüfteln meiner Karten stecke. Da bleibt keine Zeit zum Einkaufen oder Kochen. Und wenn ich jetzt meinen Lieblingskuli herausziehen wollte, würde ich unter einem bereits bedenklich schwankenden Stapel Bücher, Zettel, Karten, Kartenboxen und Kiwis begraben werden.
Oder anders ausgedrĂĽckt: Ich bin in meinem Projekt angekommen. Schaue auf mein Handy-Display, vier neue Whatsapp-Nachrichten … Vier … im kommunikativen Bereich. 4 der Schwerter. Eindeutig. In einer meiner Lieblingssendungen in der Mediathek, HIP – Ermittlerin mit Mords-IQ, tauchen auf einmal Tarotkarten auf. Und als die Jungs von nebenan gestern Abend fragten, ob ich zum Karten spielen vorbeikomme, bin ich beinahe in hysterisches Gelächter ausgebrochen. Ich habe seit Jahren keine Karten mehr gespielt. Und jetzt, ausgerechnet jetzt, wollt ihr Karten spielen? Am Abend, bevor meine wundervollen neuen Karten ankommen?
Außer den Paketen kam auch das Feedback der Schamanin und der Kommilitonin. Beide finden die Zielgruppenbeschreibung stimmig und finden sich wieder. Die Kommilitonin merkt an, dass es schön wäre, bei den Projekten konkreter zu werden; die Schamanin weist darauf hin, dass das Alter nach unten und oben zu eng gefasst ist. Ja, da hat sie prinzipiell recht. Ich hätte so ein Tarot sicher auch schon mit Anfang 20 gekauft. Doch ich habe immer und immer wieder die Erfahrung gemacht, dass eine enge Zielgruppe sinnvoller ist. Dann weiß ich, wen ich anspreche und habe den Kreis derer verkleinert, denen ich es unbedingt irgendwie recht machen will. Es ist das Gleiche wie mit der Anzahl Personas. Spricht man alle an, spricht man letztlich keinen an. Wenn ich nun auch noch versuche, die Berufswahl und die Menopause einzuflechten, wird das Projekt zu verwaschen. Und die Gen Y oder Z und die rüstigen Vorruheständler nicht explizit anzusprechen, bedeutet ja auch nicht, sie auszuschließen. Ganz und gar nicht. Aber auch das muss ich mir bei jedem Projekt wieder vor Augen halten.
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Männer. Männer kamen in der Zielgruppe bisher auch nicht vor. Sie sind nicht meine Kernzielgruppe. Ich arbeite wahnsinnig gerne mit Männern zusammen und es gibt jede Menge kreative Männer. Es gibt sogar Männer mit Tarot-Interesse. Ich schließe sie nicht aus. Aber ich habe sie auch nicht vor Augen, wenn ich mir vorstelle, wie jemand meine Karten legt. Aber vielleicht nutzen sie sie ja zum Pokern. Auch schön.
In den letzten Tagen habe ich versucht, die Karteninhalte auf die Reihe zu kriegen. Die Kleinen Arkana bleiben, wie angedacht, Vertreter ihrer ursprünglichen Elemente. Die Einteilung des Tarot in die Erfahrungswelten Wille, Gefühl, Verstand und Materielles ist einfach stimmig und sie lässt sich hervorragend auf das Kreativitätsthema übertragen. An den Hofkarten wurde noch etwas gefeilt und ein paar Geschlechter wurden vertauscht. Aber im Grunde passte der erste Entwurf recht gut.
Das Ziel war zunächst, alle Karten mit einem treffenden Begriff zu beschreiben. Wie bei den Personas und der Zielgruppe. Keine sieben Begriffe, kein Roman. Rule of One. Ein Wort. Dazu wurden meine vorhandenen und meine bestellten TarotbĂĽcher quergelesen. Quer deshalb, weil die Autoren sich erstaunlich wenig ĂĽber die Zahlen, das System auslassen. Nur Rachel Pollack geht wirklich darauf ein. Aber im Grunde wird immer Karte fĂĽr Karte betrachtet. Die Geschichte verschwindet. Dabei steht in bestimmt jedem Tarotbuch und jedem Begleitbuch (ĂĽber die Jahre hatte ich ja doch einige in der Hand) die PlattitĂĽde, dass, sinngemäß, das Ass das Element in seinem Ursprung abbildet und die Qualität des Elements bis zur 10 zunimmt. Ja. Soweit war ich ohne Recherche schon in der Einleitung dieser Thesis. Pollack (2007) listet auf, welche Zahl fĂĽr welchen Zustand, welche Phase in der Entwicklung steht (S. 158). Ein guter Anhaltspunkt. Nun ging es wie gesagt quer durch die BĂĽcher. Ass der Stäbe. Buch 1, Buch 2, Buch 3 … Ass der Kelche. Buch 1, Buch 2, Buch 3 … 2 der Stäbe … 2 der Kelche … und so weiter. Erschwert wurde das Ganze dadurch, dass die Autoren sich nicht einmal auf eine Reihenfolge einigen können. Es gibt ein Buch mit dem Titel Tarot by Numbers. Ich habe es bewusst nicht bestellt, denn ich befĂĽrchte, dass es dann doch zu weit in fragwĂĽrdige Numerologien abdriften wĂĽrde; auch in den nicht-nummernbasierten BĂĽchern werden schon Quersummen gebildet und dergleichen. Das ist mir zu hoch.
Wildes Blättern, Unterstreichen, Notieren. Welche der Aussagen decken sich? Was fällt aus dem Rahmen? Was bedeutet das in Kombination? … Was ist die Quintessenz fĂĽr die Karte und fĂĽr die Zahl? Und was heiĂźt das fĂĽr das Kreativitätstarot?
TAROT-WIRRWARR
Der Prozess war spannend. Zunächst einmal stellt sich die Frage, wieso bisher anscheinend kein Buchautor auf die Idee kam, eine Tabelle anzufertigen, wie ich sie ganz intuitiv und primitiv in Numbers angelegt habe, um das große Ganze zu sehen?! Im Hinterkopf behalte ich die Idee, dem Kartendeck statt einem Büchlein/Flyer eine Art Poster mit genau so einer Übersichtstabelle beizulegen. So etwas hätte mir nicht nur jetzt beim Erstellen des Decks geholfen, sondern auch bei meinen früheren Versuchen, die Karten zu deuten und mir die Deutungen zu merken.
Dann ist mir bewusst geworden, dass die Karten(be)deutungen teils doch erschreckend wenig Logik haben beziehungsweise einfach unklar sind. Ich denke, das liegt zu einem großen Teil daran, dass im Lauf der Jahre sehr viele Köche in den Brei gespuckt haben. Jeder brachte und bringt seine Weisheit und seine Sichtweise ein. Das ist schön, führt aber auch dazu, dass eine Karte für alles und nichts stehen kann. Wie bei den Zielgruppen. Zusätzlich liegt es ja schon in der Natur der Tarotkarten, dass sie alles und nichts sind. Archetypen. Symbole. Nichts Greifbares, nichts Konkretes. Sondern etwas Interpretierbares. Aber nehmen wir beispielsweise die 3 der Schwerter. In den Schwertern gibt es überproportional viele Horror-Karten – bei der 10 liegt jemand ziemlich mausetot auf dem Boden. Mit zehn Schwertern in den Rücken und den Kopf gestochen. Ich bin ein völliger Kopfmensch und habe nie verstanden, warum dem Element des Geistes im Tarot so viel Negatives anhaftet. Klar, ein Element muss immer durch ein anderes ausbalanciert werden. Nur Kopf führt nirgendwohin. Es braucht auch Herz, auch Tun, auch Leidenschaft. Aber ohne Kopf, ohne Verstand, bringt der Rest halt auch nicht allzu viel. Wie bei Blechmann, Löwe und Vogelscheuche im Zauberer von Oz.
Aber bleiben wir bei der 3 der Schwerter. Im Rider-Waite-Smith-Tarot, quasi dem Standard-Tarotdeck, durchbohren hier drei Schwerter ein Herz, im Hintergrund weinen die Wolken. Es ist eine Karte der Sorgen, der Trauer und des Herzschmerzes. So steht es in jedem Buch und so interpretiert man die Karte auch, wenn man noch nie etwas von Tarot gehört hat. Schwerter im Herzen? Die Bedeutung ist klar. Im Crowley-Tarot sieht man ein düsteres Bild, auch hier steht die Karte für Kummer und Trauer.
SPOILER-ALARM: Das Kreativ-Tarot hat genau so ein Poster bekommen.Â
Aber … Standen Schwerter nicht fĂĽr den Geist, das Denken, das Rationale? Und gerade nicht fĂĽr das Herz? Wer schon mal so richtig Herzschmerz hatte, weiĂź, dass das zwar unendlich wehtun kann, aber beim besten Willen keine Frage des Verstandes ist. Im Gegenteil. Im Verstand wissen (oder mindestens ahnen) wir ja, dass durch eine Trennung eben nicht die ganze Welt zusammenbricht und unser Leben keinen Sinn mehr hat. Wir kennen Menschen, die das ĂĽberlebt haben und irgendwann wieder glĂĽcklich wurden. Aber das Herz kann es nicht glauben. Es schmerzt weiter.
Okay, vielleicht pumpt das Herz auch nur Blut, aber es bleibt die Frage, was das defekte Herz bei den Schwertern verloren hat. Die Herzschmerz-Karte würde für mich eindeutig zu den Kelchen, zur Gefühlswelt, gehören.
Ich habe meine 3 der Schwerter vorläufig Zweifel getauft. Meiner Meinung nach wird bei der 2, nämlich wenn ich zwei Gedanken habe, eine Entscheidung getroffen. Bei Crowley heißt die 2 Frieden (wieso?), bei Rider-Waite-Smith sieht man dort eine Frau mit verbundenen Augen und zwei gekreuzten Schwertern, die an Justitia erinnert. Sie taucht auf der 8 der Schwerter noch mal auf. Vielleicht mochte Mister Waite einfach Frauen mit Augenbinden.
Gut. Also fĂĽr mich ist 2 die Entscheidung. Und wenn es danach schon negativ werden soll, ist die 3 in der Welt des Geistes maximal der Zweifel. »Habe ich mich richtig entschieden? Hätte ich nicht doch lieber …? Aber vielleicht könnte ich auch …?« Das kann man in der Logik durchgehen lassen, denn letztlich bedeutet Wachstum (die 3) im Geist immer auch zweifeln und hinterfragen. Von einem aufgespieĂźten Herzen ist das sehr, sehr weit entfernt.
Bis vorhin, als ich meinen Konzeptentwurf zwecks Feedback eingereicht habe, war ich mit dem Zweifel noch okay, aber nun, beim Schreiben, hat es mich wahnsinnig gemacht (Aha, das ist das Stadium des Zweifels nach der Entscheidung …). Kurzes Nachfragen bei Google ergibt dann tatsächlich, dass die 3 der Schwerter in Prä-Waite-Zeiten vielleicht doch gar nicht so negativ war. Man muss an dieser Stelle anmerken, dass das Rider-Waite-Smith-Deck das erste war, zumindest meiner Kenntnis nach, das auf den Zahlkarten Menschen abbildete. Crowley und Lady Frieda Harris folgten der Tradition, nur die Anzahl Symbole abzubilden.
Um dieses Intermezzo des Zweifels zu beenden, habe ich nun ein Tarot de Marseille, zwei BĂĽcher dazu und ein Visconti-Sforza-Deck mit Begleitbuch bestellt. Kartenmessie. Ich muss herausfinden, was genau vor Rider, Waite und Smith war. Und in zweifelhaften Tarotforen finde ich die Antwort nicht.
SEHR LANGWEILIG.
All das zeigt, auch wenn dieses Kapitel anders geplant war, recht gut den Findungs- und Rechercheprozess und die Probleme, die dabei auftauchen. Ich habe mich in der Recherche bei der größenwahnsinnigen Idee ertappt, dass mein Tarot ja vielleicht das bessere Tarot werden könnte. Das zugänglichere und gleichzeitig praktischere. Das logischere. Mein Zwischenziel war wie gesagt, die Quintessenz jeder Nummer und jeder Karte in einem Wort zusammenzufassen. Das ist für’s Erste gelungen. Und es haben sich in diesem Prozess bereits Zusammenhänge ergeben, die mir völlig einleuchten und die das klassische Tarot so nicht hat:
Die Asse sind der Ursprung ihres Elements, das Potenzial, der Anfang. Sie heißen im Kreativdeck vorläufig Idee, Gefühl, Gedanke und Projekt. Das ist das Erste, was der Mensch auf der jeweiligen Ebene tatsächlich wahrnimmt. Kennen wir alle, plötzlich ist ein Gedanke oder ein Gefühl da, man hat eine Idee oder startet ein Projekt. Letzteres hinkt etwas – wobei ich selbst mich durchaus schon plötzlich mitten in Projekten wiedergefunden habe und mit ratlosem Kratzen am Kopf fragen musste, wie das eigentlich passieren konnte.
Die Königinnen und Könige wurden wie bereits erwähnt vertauscht, sodass die Königinnen die Farbe abschließen. Sie wurden in Göttinnen umgetauft und heißen derzeit Inspiration, Intuition, Intelligenz und Identität. Sie kommen nach den neugierigen Lehrlingen (Pagen), den sich auslebenden Freigeistern (Rittern) und den recht vollkommenen Koryphäen (Königen). Denn die Göttinnen sind der innere Antrieb, dem wir Menschen zwar einen Namen gegeben haben, den wir auch definieren – doch gleichzeitig nur sehr schwer erfassen können. Was ist denn meine Intuition? Wo sitzt denn meine Intelligenz? Und trotzdem verwenden wir die Worte, denn wir verstehen, was gemeint ist. Diese göttlichen Eingebungen oder Gaben, die über den vollkommenen Koryphäen stehen (denn auch die Koryphäen erfassen sie nicht vollends – auch wenn sie gelernt haben, sie sehr gut einzusetzen), zeigen sich im Alltag in Gestalt der Asse. Zum Beispiel als Ideen aus dem scheinbaren Nichts. Glühende Einfälle, die nach sofortiger Umsetzung verlangen.
Sie durchlaufen dann die Stadien 2 bis 9. Die 10 ist nicht einfach nur ein Ende wie im Rider-Waite-Smith-Deck (bei den Kelchen Friede-Freude-Eierkuchen, bei den Schwertern die mit zehn Schwertern niedergestreckte Gestalt). Im Kreativdeck ist sie ein echtes Ziel, nach dem das jeweilige Element strebt. Freiheit für den Willen, Freude für das Herz, Gelassenheit für den Geist und Erfüllung für das Materielle und Körperliche. Die Zuordnung und Benennung ergab soweit erst mal Sinn.
Einige Namensideen fĂĽr die GroĂźen Arkana konnten dann gestrichen werden, weil es zu Dopplungen kam. Nicht verwunderlich, denn auch im normalen Tarot sind einige Karten in ihrer Bedeutung schwer voneinander abzugrenzen, zum Beispiel die Hohepriesterin und die Königin der Kelche. Zwei hoch intuitive, mystische Frauen. Heilerinnen. Seherinnen. Archetypisch das Mysterium des Weiblichen … In meinem Tarot sollen die Grenzen klarer sein und so widme ich mich auf der Basis meiner Kartenbenennungen und meiner Zielgruppe erst mal dem Konzeptentwurf, um Ticket 3 buchen zu können.
Auch beim Schreiben des Konzepts habe ich für mich wieder mehr Klarheit gewonnen. Ja, das Kartendeck ist im Kern ein Selbstcoaching-Werkzeug. Auch wenn ich den Begriff Coaching nicht mag. Ganz wichtig war mir, den Unterschied zwischen Wahrsagerei und dem, was das Kreativitätsdeck stattdessen tut, herauszuarbeiten. Mir ist bewusst geworden, dass Wahrsagerei im Kern etwas Fremdbestimmtes ist, das Menschen in eine Opferrolle manövriert.
Also, was will mein Tarot, statt Glück oder Pech in der Zukunft vorhersagen, auf dass der Mensch sich wappnet und zur Beichte geht? Ganz einfach: Es will den Menschen empowern. Nehmen wir noch mal die 3 der Schwerter. Statt »Es kommt Herzschmerz auf dich zu!« fragt mein Tarot vielleicht »Wieso zweifelst du an deinen Entscheidungen?«. Der Mensch kann nun darüber reflektieren und seine Zweifel, die er vorher vielleicht noch nicht mal als solche wahrgenommen hat, verarbeiten. Mit der nächsten Karte vielleicht noch tiefer gehen. Wo kommen die Zweifel her? Er zieht den Wildfang (= Page der Stäbe, ich nenne sie die Pippi-Langstrumpf-Karte). Die Beschreibung erinnert ihn vielleicht an sein ungestümes Wesen als Kind und die Mutter, die immer zu mehr Vor- und Umsicht mahnte. Ergo: Die Zweifel haben nichts mit der eigentlichen Entscheidung zu tun, sie sind ein lange eingeübtes Muster. Habe ich das verstanden, kann ich besser und vor allem bewusster damit umgehen, statt blind zu reagieren und meinen Gedanken ausgeliefert zu sein. Ich kann selbstbestimmt handeln. Empowerment.
ABER RELEVANT.
Am Ende dieses Prozesses steht mehr als nur ein Kartendeck – es ist die Vision eines Werkzeugs zur Selbstermächtigung. Statt zu fragen „Was wird passieren?“, fragt mein Tarot „Warum fühlst du das?“, um blinde Reaktionen in bewusste Handlungen zu verwandeln. So wird aus Weissagung ein Dialog mit sich selbst.



