Erinnerst du dich an die Definition von Kreativität aus der letzten Episode? Hier kommt ihre finale Version – und die Ergebnisse der Mini-Umfrage. Was denken die Befragten darüber? Und halten sie sich für kreativ?
Prometheus
Ich habe die Definition noch um den Anspruch ergänzt, der fehlte. Sie lautet nun: »Kreative sind Menschen, die aus innerem Antrieb und mit ihren eigenen Ideen etwas Neues (materiell oder immateriell) nach ihrem persönlichen Anspruch erschaffen und in ihrem Tun aufgehen«. Zum Abgleich habe ich drei Fragen formuliert:
1. Stimmst du eher zu oder nicht?
2. Hast du dich bisher für einen kreativen Menschen gehalten?
3. Stufst du dich nach dieser Definition als kreativen Menschen ein?
Per Whatsapp geht das Ganze an drei Kommilitoninnen, eine Gruppe und in meinen Status. Wer es sieht und sich berufen fühlt, darf antworten. Das Schöne daran ist, dass ich die Antwortenden zumindest ein bisschen kenne und deshalb auch testen kann, ob deren Antworten mit meiner Einschätzung übereinstimmen. Die ersten beiden Antworten kommen von Männern, die zustimmen, sich bisher nicht für kreativ hielten, es nach der Definition aber tun. Wunderbar, ich weiß ein bisschen, was die beiden so schaffen und woran sie in ihrer Freizeit tüfteln und halte beide für kreativ. Aber eben nicht im allgemein gebräuchlichen Sinn, wie einer auch schreibt »Für mich war Kreativ sein immer eher sowas wie eigene Musik machen, Malen bzw. Zeichnen, vielleicht auch die Wohnung schön Einzurichten.«
Eine Kommilitonin hinterfragt, ob die Ideen wirklich die eigenen sind, eine andere (die auch strickt) meint, dass man auch nach Anleitung kreativ sein kann und dass es entspannt. Ein hauptberuflich Kreativer bezeichnet Kreativität als »eine Schwingung, sie steht für Selbstermächtigung & Schöpferkraft«. Er weist auch auf die Gemeinschaft mit anderen »Ideeninfizierten« hin. Es wird angemerkt, dass Kinder kreativ sind, obwohl sie von der Definition nichts wissen und für sie das »sich selbst als kreativ sehen« nebensächlich ist. Spannend. Ich hatte in der Diskussion vorher eingeworfen, dass das »sich selbst als kreativ sehen« meiner Meinung nach wichtig für die eigene Identität ist und formuliere es nun so aus, dass Kinder eben noch dabei sind, ihre Identität zu formen, indem sie sich ausprobieren. Erscheint mir schlüssig.
Einer schreibt: »meine Kreativität kommt mir eher wie etwas von außen vor, dass mich von mir wegzieht. Also eher eine Besessenheit, die nicht aus dem tiefsten Inneren kommt.« Er meint, die meisten Kreativen werden »nicht in ihrem Tun aufgehen. Die Unzufriedenheit (die von Innen kommt), treibt sie zu neuem Tun. Die Ideen sind abstrakter, können zufliegen oder sich verknüpfen.« Und weiter: »Vielleicht gibt es einige wenige wirklich geniale Menschen, bei denen die Ideen habt tief quasi aus dem Nichts kommen. Das kann dann die wucht haben, die Welt zu verändern [neue Nachricht] Wird eher selten vorkommen [neue Nachricht] Aber auch das von innen sehe ich eher als etwas »Göttliches«, Unbestimmtes, schwer zu Fassendes ein.«
Das zu lesen macht mich traurig. Ich biete an, ihm Csíkszentmihályis Flow und Kreativität. Wie Sie Ihre Grenzen überwinden und das Unmögliche schaffen. auszuleihen (die deutsche Version von Creativity – ich hatte wegen der lausigen Übersetzung beide bestellt …). Er antwortet: »Ich wäre froh, wenn ich mal Ruhe vor den Grenzen und dem Unmöglichen hätte. Ehrlich, die belästigen mich ständig [neue Nachricht] Das fühlt sich manchmal an wie ungebetene Gäste…. Schreib mal Als Nächstes ein Buch, mit welchem Exorzismus man das Zeug los wird!« (Alles zitiert aus privaten Messenger-Korrespondenzen, siehe Borne 2.)
UMFRAGE
Die Dämonen zur Ruhe betten?
Vielleicht kommen noch ein paar Antworten, aber ich bin jetzt schon hoch zufrieden. Als Arbeitshypothese ist meine Definition gut genug. Ich möchte weiter forschen, so spannend finde ich es! Spannend im wahrsten Sinne des Wortes, denn es sind die Begriffe Entspannung und Besessenheit gefallen. Zwei Pole, die mir beide sehr bekannt vorkommen. In der letzten Beschreibung, die nach einem Exorzismus verlangt, weil die Ideen ungebeten von außen kommen, die Unzufriedenheit aber von innen, finde ich mich voll und ganz wieder. Fand ich mich voll und ganz wieder. Sie ist, ehrlich gesagt, die Grundlage dieser Thesis, denn so habe ich meine eigene Kreativität die meiste Zeit meines Lebens empfunden. Mich selbst für einen völligen Freak gehalten, weil ich morgens mit imaginärem Dreispitz durch das Haus paradiere, statt mich mal zu entspannen oder was Nützliches zu tun. Große Eingebungen aus dem Nichts, die ich Trottel, ich Idiot, ich Narr in meiner ganzen Unfähigkeit mit meinen mannigfaltigen Defiziten doch eh nicht umsetzen kann. Ich wäre so gerne einfach mal normal, hätte so gerne einfach mal Ruhe vor den Dämonen.
Jetzt, nach den letzten Monaten voller seltsamer Puzzleteile und der völlig irren, besessenen Arbeit an diesem Narrenprojekt, sehe ich es anders. Wo der Funke herkommt (Magier? Obstbaum? Sonne? Eyjafjallajökull? Prometheus?) ist wurscht – aber das Feuer, das daraus entsteht, brennt innen. Feuer zu ignorieren und es unbeaufsichtigt zu lassen, ist keine gute Idee. Es brennt. Schau hin. Wild drauf rumzutrampeln hilft nicht, es auspusten zu wollen macht alles nur schlimmer, schmerzhafter, verzehrender, zerstörender. Wenn du einen Teppich drüberwirfst und es erstickst, erlischt es und du erfrierst oder verhungerst irgendwann elendig. Verbünde dich mit dem Feuer. Nutz es für dich. Setz es ein. Schmiede etwas, back etwas. Wärm dich dran und lass es hell nach außen leuchten, damit die Schiffe ihren Weg vorbei an Scylla und Charybdis finden.*
Oder so ähnlich. Konkreter kann ich es noch immer nicht beschreiben, es bleiben interessanterweise Bilder und Geschichten. Aber wir sind ja auch erst am Ende des ersten Akts, zwei fehlen noch.
* Wooooow, hat da jemand einen Philosophen gefrühstückt?
Ja, also … Das ist NICHT das Ende des ersten Akts, es fehlen noch über vierzig Seiten … Und, Spoiler-Alarm, ich konnte die Dämonen nicht zur Ruhe betten. Sie werden zurückkommen, um mich heimzusuchen.
Aber egal, was denkst du über die Definition und dei Antworten auf die Umfrage?



