Ein Konzept für das Kreativ-Tarot. Immer noch. Ich schaue mir das Tarot de Marseille und das Visconti-Sforza Tarot an und brüte über den Bedeutungen und möglichen Personifikationen der Großen Arkana – und gelange zu einer bahnbrechenden Idee.

Die Geister, die ich rief

»Oh ja, von gestern, gell?«, sprach der DHL-Mann, als ich ihm heute erwartungsvoll die Rezeptionstür öffnete. Alles war vergeben, bis ich zu Hause auspackte und mir wünschte, dieses Paket wäre niemals angekommen. Mir platzt der Schädel.

Der Bateleur ist nicht der Narr, sondern der Magier. Bisweilen ja selbst ein Gaukler, ein Trickser, ein Unterhalter. So hatte ich es schon mal irgendwo notiert. Er wird vom Narren (im Tarot de Marseille (Hadar, n.d.) Le Fol, im Bateleur-Buch (Godde, 2022) Le Mat, im anderen Buch auf Englisch (Morsucci, 2018) einfach wie üblich The Fool) zu den einzelnen Stationen geführt und spricht mit den Gestalten, die ihm dann auch die entsprechenden Kleinen Arkana erklären. Auf Französisch. Ich habe geblättert und etwas gelesen – und glaube ehrlich gesagt nicht, dass es meine Mühe lohnt. Eine richtige Geschichte ist es nicht. Der Bateleur wird einfach von einer Station zur nächsten geschleift (oder geht durch eine Tür, steigt hinauf oder hinab) und die Arkana erklären sich in aller Länge und Breite selbst, Dialog mit fragwürdiger Interpunktion über mehrere Seiten, dann geht es weiter. Also letztlich auch nur ein Erklärbuch. Aber mir gefällt, dass die Kleinen Arkana hier numerisch sinnvoll bei den Großen untergebracht sind. (Godde, 2022)

Das Tarot de Marseille selbst ist harter Tobak. Ich mag die Illustrationen, die so viel einfacher, simpler, als die späteren sind. Aber die Farben machen mich fertig. Es geht zu wie bei der Mainzer Fassenacht, der Bateleur erinnert schwer an einen Schweizer Gardisten. Die Beschriftung ist altertümlich(?) oder zumindest alternativ; statt Bateleur steht dort Basteleur, statt L’Étoile (der Stern) L’Estoille. Und, noch viel irritierender, die römischen Ziffern zählen bis zur Vier; die 4 ist also IIII – ich habe es mal so gelernt, das nur bis zur Drei gezählt wird und die Vier als Fünf mit vorangestellter (also zu subtrahierender) Eins geschrieben wird: IV. Die 19 ist also nicht die (mir geläufige) XIX, sondern XVIIII. Das ist nicht, als würde man eine neue Sprache lernen, das ist, als würde man vier neue Sprachen gleichzeitig lernen.

……. stammt aus Goethes Zauberlehrling.

Interessant ist, dass der Narr im Tarot de Marseille gar keine Nummer hat. Das korrespondiert mit den mir bekannten Interpretationen, dass der Narr quasi überall hingehören kann. Es ist ja auch seine Reise. Hohepriesterin und Hohepriester heißen La Papesse und Le Pape, die Päpstin und der Papst – dazu gleich mehr. Die Liebenden ist L’Amoureux. Die Karte zeigt kein Liebespaar, sondern einen Mann, der sich zwischen zwei Frauen zu entscheiden hat. Der Tod hat keinen Namen, die Karte trägt die unheilvolle Nummer XIII und zeigt ein wandelndes Skelett und diverse menschliche Körperteile. Der Turm heißt La Maison Dieu – das Haus Gottes? (Hadar, n.d.)

Das zweite Buch (auf Englisch), das ich zum Tarot de Marseille bestellt hatte, ist konventioneller, schreibt auch ein wenig über Zahlen und Pythagoras und nimmt auf dieser Grundlage auch die Aufteilung in drei mal sieben Große Arkana vor. Und es ist voller Rechtschreibfehler. (Morsucci & Aloi, 2018)

Im Begleitbuch zum Visconti-Sforza-Tarot werden netterweise auch noch die italienischen Übersetzungen genannt, von Il Matto – das kann ich mir jetzt aus dem Französischen herleiten – bis zu Il Mondo. Auch hier haben wir Päpstin und Papst, die Liebenden heißen L’Amore (also die Liebe, meiner Kenntnis nach), der Wagen ist der Triumphwagen (auf dem eindeutig eine Frau sitzt), der Eremit ist Il Tempo (die Zeit – nicht das Taschentuch) und hält eine Sanduhr, der Gehängte ist Il Traditore, laut Begleitbuch der Verräter, der Turm ist La Casa del Diavolo, Haus des Teufels, Das Gericht ist L’Angelo, der Engel. (Packard, 2022, S. 48, 91, 52, 59, 60, 62, 63, 66, 67, 72, 80, 88) (Geht doch mit den Quellen)

Hervorragend, sogar meine überaus bescheidenen Italienischkenntnisse sind zu irgendwas zu gebrauchen, wer hätt’s gedacht?

Ich will keine exakten Vergleiche und Studien anstellen, das ist nicht Ziel der Arbeit und ich hab jetzt schon Kopfschmerzen. Spannend finde ich vor allem die Päpstin, die im Marseille höchstwahrscheinlich und bei Visconti-Sforza definitiv eine Tiara trägt. Im Begleitbuch dazu steht, dass es sich bei der Darstellung womöglich um Schwester Manfreda handelt, eine aus der Visconti-Sippe, die von ihrer Sekte zur Päpstin ernannt wurde. (Packard, 2022, S. 52, 53) An anderen Stellen habe ich schon früher gelesen, dass es sich um die Päpstin Johanna handeln soll, die wir aus dem Roman von Donna Wie-hieß-sie-noch-gleich und der späteren mittelguten Verfilmung kennen. Johanna soll in Ingelheim geboren worden sein, das ist zwanzig Minuten von hier, etwa auf halber Strecke nach Mainz mit seinem Blau-Rot-Gelben Fastnachtswahnsinn.

Fazit: Ich bin kaum schlauer als zuvor und werde die Geister, die ich hier versammelt habe, nicht mehr los. Würde ich all dem Material und den neuen Fragen, die sich daraus ergeben, die Aufmerksamkeit schenken, die ihm gebührt, würde das Projekt zur Dissertation ausufern.

MESSIE!!!

Drohbrief-Style

In der Zwischenzeit feile ich weiter an meiner Narrengeschichte und brüte weiter über den Kartennamen und Zahlenthemen. Ich bin noch nicht fertig und kann jetzt für Detailfragen auch in die neuen Bücher schauen. Aber ich bin schon recht zufrieden.

Mich hat am Tarot schon immer gestört, dass einige Große Arkana Personen beziehungsweise Personifikationen sind und andere einfach Begriffe, Tugenden, Naturerscheinungen – dann aber trotzdem Personen oder Personifikationen abgebildet sind. Das macht doch keinen Sinn! Hat man sich einfach gescheut, die Gerechtigkeit Justitia zu nennen? Ich weiß es nicht. Aber ich fand es schon immer unstimmig, jetzt noch mehr denn je. Bis heute Morgen dachte ich, dass ich es aber auch nicht besser hinkriege, also nicht jeder Karte eine sinnvolle Personifikation zuordnen kann, die nicht sofort das gesamte griechische Pantheon oder welche Götterwelt auch immer heraufbeschwört. Heute Morgen habe ich dann bei Alexa Szeli zur Ausgleichung bei Crowley (also Gerechtigkeit bei Rider-Waite-Smith) gelesen, dass Crowley selbst sie den Harlekin nannte, wobei Szeli auf den Narren verweist (Crowley 2019, nach Szeli, n.d. (a)).

Durchbruch. Auch der Harlekin ist ein Narr, ein Clown, und zwar für mich der merkwürdigste von allen. Ich habe sofort eine unergründliche Figur, halb in Schwarz, halb in Weiß, vor Augen. Meine beste Kindergartenfreundin hatte das als Faschingskostüm. Gegensätze, wie sie krasser nicht sein können. Und der närrische Harlekin vereint sie. Ausgleichung. Gerechtigkeit.

Wenn ich diesen Weg für mein Deck wähle, bin ich definitiv und zweifelsfrei weit genug weg von den traditionellen Decks (und ihren fragwürdigen Deutungen und Interpretationen). Ich begebe mich aber auch nicht auf die Schiene, die tausend andere vor mir gewählt haben, und gestalte das Tarot letztlich doch nur mit einem neuen Thema (sagen wir das Odyssee-Tarot voller griechischer Götter) um. Und ich schaffe es, alle Karten zu personifizieren. Außer die letzte, die Vollendung. Dann würde es nämlich eine ganz gruselige Wendung zu Pygmalion und Dorian Gray nehmen.

Nun habe ich also zwanzig Charaktere. Der Narr zieht los und trifft sie alle. In der aktuellen Fassung taucht er in jedem Akt einmal selbst als Charakter auf seiner jeweils neuen Stufe des Seins auf. Ich weiß noch nicht, ob es dabei bleibt, denn irgendwie verwäscht es die Geschichte wieder. Entscheidend ist aber an dieser Stelle, dass die insgesamt einundzwanzig Charaktere (also alle Karten außer der Welt/Vollendung) aus verschiedenen Welten stammen und eigentlich auf ganz unterschiedlichen Ebenen existieren. Wir haben König und Königin; reale historische Gestalten und auch klassische Märchen- und Theaterfiguren. Wir haben die Nixe, die mythische Loreley auf ihrem Felsen, den Sirenen aus der Odyssee nicht unähnlich. Wir haben den Zauberer, den Engel, den Fährmann, den Faun …

Tatort vs. Herr der Ringe

Man darf ankreiden, dass das Ganze letztlich doch sehr mitteleuropäisch ist und sehr an die klassische Antike erinnert. Den Eremiten wollte ich schon Buddha nennen und beim Engel kamen mir auch Aladin und seine Wunderlampe in den Sinn. Ich konnte mich bremsen. Mein Hintergrund ist nun mal mitteleuropäisch, ich bin mit den Märchen der Gebrüder Grimm aufgewachsen und habe auch mal Archäologie studiert (in Mainz, Helau) und es ist in Ordnung, wenn sich mein Tarot in meinem Kulturkreis bewegt. Buddha, so gern ich ihn mag und mich als Buddhisten betrachte, ist in diesem Kulturkreis teilweise eben doch nur Modeerscheinung und Deko bei der Thai-Massage. Und der Dschinn aus der Lampe? Nun, der ist auch nur das 1001 Nacht-Pendant zur guten Fee. Oder doch eher der Geist, den Goethes Zauberlehrling rief?

Das Schöne an dieser absurden Zusammenstellung ist, dass sie absurd ist. Die Narrenreise, die Großen Arkana, sind eine komplett andere Welt. Ich glaube, es fällt uns oft umso leichter, Lektionen zu lernen und Dinge zu begreifen und zu hinterfragen, je weiter sie von unserer tatsächlichen Realität entfernt sind. Fantasiewelten geben uns die Erlaubnis zu träumen, an Drachen zu glauben, uns kurzzeitig aus unserem eigenen Alltag herauszunehmen. Nehmen wir mal zwei Beispiele. Einen beliebigen Tatort, dessen Schauplätze real existieren, wir vielleicht sogar kennen, und dessen Story prinzipiell auch jetzt hier in der Gegenwart genau so passieren könnte. Und etwas Fantastischeres, meinetwegen Tolkiens Herr der Ringe. Im Auenland sehen (und spüren?) wir eine Harmonie, die auch der lieblichste Tatort nicht ausstrahlen kann. Frodo ist naiver und unschuldiger als jedes Kind hierzulande. Er muss für seine Mission einen Mut aufbringen, den man in der »echten Welt« kaum abbilden kann, ohne dabei Depressionen zu verursachen oder hässliche Wunden aufzureißen. Was wäre denn das Äquivalent zu seinem Aufbruch aus dem Auenland, zu den Elben und hinein ins Lande Mordor? Was wäre der Ring?

Frodo bricht aus dem netten Neubaugebiet in der Vorstadt auf, durchquert nachts die dunkelsten Straßen der Stadt, wo er ausgeraubt und überfallen wird, rettet sich in ein hell erleuchtetes Kaufhaus, in dem die feine Gesellschaft flaniert, und zieht schließlich in ein Krisengebiet, um die Kronjuwelen zu versenken? Es macht keinen Sinn. Diesen Ring gibt es nicht. Ebenso wenig wie die Weisheit und Reinheit der Elben. Es sind Symbole und solche Symbole helfen uns dabei, zu verstehen, zu begreifen. Sonst würde es all die Märchen, egal ob in den Sammlungen der Gebrüder Grimm oder aus 1001 Nacht, nicht geben. Und Odysseus und den Monomythos und Batman auch nicht. Wir brauchen unsere Helden und Schurken und Drachentöter!

Wir brauchen unsere Helden und Schurken und Drachentöter!

Vielleicht recherchiere ich hier noch mal, um meine Gedanken zu ordnen und all das etwas fundierter zu formulieren. Aber meine Entscheidung ist ohnehin gefallen. Der ganze Prozess bis hierher hat mir gezeigt, was mir aus den letzten 38 Jahren so im Gedächtnis geblieben ist, und das Fazit lautet: Je absurder, desto mehr. Und ich sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass ich verglichen mit dem Durchschnitt wenig Fernsehen, Filme, Serien schaue. Ich habe ein paar DVDs und die Mediatheken von ARD und ZDF. Kein Prime, kein Netflix, kein normales Fernsehen. Und Fantasy ist eigentlich gar nicht mein Ding. Außer Game of Thrones. Dachte ich bisher zumindest. Dafür bin ich eine Leseratte und lese vor allem Krimis und Thriller, schauriges Zeug, das in der Realität spielt. Ab und zu gerne mal was Historisches, gelegentlich eine Schnulze rund um Familiengeheimnisse. Alles ganz real, völlig frei von Zauberern.

Wenn ich allerdings über den Herrscher sinniere, kommen mir (zum Glück) keine Präsidenten und dergleichen in den Sinn, sondern ein König auf seinem Thron, komplett mit Hermelin-Umhang und goldener Krone. Beim Eremiten denke ich erst im dritten Schritt an die Felseneremitage vor meiner Haustür. Erst kommt ein Weiser auf einem Berggipfel, den man aufsuchen muss, um an seiner Weisheit teilzuhaben und bei ihm in die Lehre zu gehen. Der Alte, von dem Uma Thurman in Kill Bill sich ausbilden lässt, vielleicht. Oder Saint Patrick, der auf seinem Berg meditiert. Und bei dem Wort Held denke ich nicht an all die Alltagshelden, die jeden Tag Leben retten und Katastrophen verhindern. Ich denke an jemanden mit beachtlichem Bizeps, der in Drachenblut badet. Heiß!

Bilder. Geschichten. So funktioniert wohl das Unbewusste.

Und der Bibliothekar in meinem Kopf hat in den letzten Tagen, halb bewusst und halb unbewusst, all diese Bilder und Geschichten durchwühlt und aus jedem Buch Abschnitte, Buchstaben, Zeichen und Bildchen ausgeschnitten und ungeschickt zusammengeklebt. Es sieht aus wie ein Drohbrief, ist aber die Reise meines Narren.

LANGWEILIG!

Grundschulmathematik

Ich hatte mir vorgenommen, weniger zu schreiben. Die Tage schrieb jemand in der Thesis-Whatsappgruppe*, dass er/sie nun fast am Ende der Bachelorarbeit sei und nun mit der Doku anfangen wolle, aber nicht wisse, was er/sie schreiben soll. Jemand anderes stimmte zu. Meine Doku ist jetzt schon über 100.000 Zeichen lang – und mit der Erarbeitung, dem »eigentlichen« kreativen Teil, habe ich noch gar nicht begonnen. Irgendwas läuft hier schief …

Aber … ich kann meine Recherche, meine Ansätze und wie ich darauf komme nicht dokumentieren, ohne hier gewaltig auszuholen. Und die Recherche selbst, das Blättern in Büchern und im Internet, macht letztlich nur einen kleinen Teil meiner aktuellen Arbeit aus. Die Sprünge passieren in meinem Kopf. Und wenn ich die nicht festhalte, kann hinterher niemand (nicht mal ich selbst) nachvollziehen, woher das alles kam. Könnte ja auch irgendwo geklaut sein. Plagiatsversuch, durchgefallen. Also notiere ich. Kürzen kann ich immer noch.

Ich habe in der Zwischenzeit die Kleinen Arkana abgeglichen. Die Logik lautet etwa: In der Narrengeschichte passiert etwas, das im übertragenen Sinn auch im echten Leben passiert. Nehmen wir die VIII, mit der ich mich immer wieder schwertue, den Harlekin. Was dort passiert, habe ich als »Aus Chaos erwächst Harmonie« definiert. Nun kriegen alle vier Elemente die gleiche Frage gestellt (die mit den Zahlen variieren). Im Fall der 8 lautet sie »Wie erreichst du das?«. Die Stäbe antworten »Auf einmal war es da. Magic?«.

Das Thema der Karte (die Kartenthemen standen ja vorher schon ziemlich fest und werden und wurden in diesem Prozess überprüft) lautet entsprechend Zufall. Schicksal oder Fügung wäre auch gegangen, aber für die feurigen Stäbe ist es Zufall. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein – oder so. Die Kelche antworten: »Ich lasse loß, lasse fließen.« und die Karte heißt Loslassen. Harmonie aus Chaos stellt sich nicht durch das Krampfhafte ein, sondern eher dadurch, dass man den Dingen ihren Lauf lässt. Es fügt sich. Wie Wasser. Der Fluss findet sein Bett und fließt zum Meer. Immer. Die Schwerter rufen aus »Jetzt ergibt alles Sinn!« – ein Heureka-Moment, die Karte heißt Klarheit. Denken, recherchieren, Abstand gewinnen und irgendwann, meist unter der Dusche, hat man einen hellen Moment, da geht einem ein Licht auf und plötzlich passt alles. Die Münzen antworten »Ich arbeite daran. Perfektioniere.« und die Karte heißt Projekt. Man muss eben auch machen, damit aus Chaos Harmonie entsteht. Der Beweis dafür ist jede schmutzige Socke, die jemals auf dem Fußboden gelandet ist.

Alles davon kann eine Lösung sein. Nichts passt immer. Und keine der Antworten ist, wenn wir sie streng betrachten, wirklich eine Lösung. Ohne Verstand und/oder Herz dranzubleiben, führt ins Unglück und ist weitab von Perfektion. Die Schwert-Erkenntnis an sich ist nutzlos, wenn sie nicht weiter bearbeitet, geteilt, in die Realität überführt wird. Fließen lassen, ohne Vernunft und Handlung, führt nicht zum Ziel. Und auch der Zufall nicht; denn ohne Initiative oder vorherige Gedanken wäre man gar nicht zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Auf diese Weise wurden nun alle bisher gesammelten Themen und Begriffe durchdekliniert und teilweise angepasst. Immer noch mit den Bedeutungen der entsprechenden Tarotkarten im Hinterkopf – und ich finde, dieses Deck ist jetzt schon schlüssiger als alles andere, was ich bisher in der Hand oder vor Augen hatte. Ich habe versucht, mich an die Elemente und die Zahlen zu halten. Bei Letzterem hat mir unerwarteterweise doch Reading and Understanding the Marseille Tarot geholfen. Darin sind Abbildungen, die mich schwer an das Modul Designgrundlagen: Sehen und Verstehen. erinnern. 1: ein Punkt. Einheit, Vollkommenheit. 2: eine Linie, zweidimensional, Richtung. 3: ein Dreieck, die erste Fläche, Form. 4: ein fester Körper, etwas Greifbares … oder so ähnlich. (Morsucci & Aloi, 2018, S. 28, 29; 33-41)

Das könnte auch eine spannende Idee für die grafische Umsetzung werden. Besser zumindest, als alles in Drohbrief-Manier zu verfassen.**

Was wäre, wenn wir alles Mystische aus dem Tarot streichen?

Es ist nachvollziehbar, dass Menschen dem Tarot alle möglichen Bedeutungen beigemessen und es mit allen möglichen anderen Systemen abgeglichen und Analogien hergestellt haben. Nichts anderes tue ich ja hier, wenn ich in der Odyssee wühle. Wir Menschen brauchen Systeme, um zu verstehen, zu begreifen, uns zu ordnen und einzuordnen. Wenn wir aus dem Tarot aber alles Mystische, Übersinnliche, Fragwürdige, Okkulte, Magische und Unhaltbare streichen (was für ein simpler und doch bahnbrechender Gedanke …), dann bleiben erstens die Elemente, deren Existenz sicher niemand in Zweifel ziehen will, und zweitens die Zahlen, die auch ohne Numerologie funktionieren. Eins plus eins gibt zwei. Drei Punkte ergeben ein Dreieck. Ein Tisch und ein Pferd mit vier Beinen stehen stabil. Sieben ist eine Primzahl. Das ist keine Numerologie, das ist Grundschulmathematik. So einfach – und doch so betörend schön.

Kreuzt man Element mit mathematischer (nicht esoterisch aufgeladener) Zahl, kommt schon etwas dabei raus, über das man sinnieren kann: 4, Stabilität, meets Wasser. Funktioniert nicht. Wasser ist in Bewegung. Gezeiten. Stehendes Wasser wird ziemlich schnell ziemlich ekelhaft. Aber Wasser an sich ist auch so instabil, dass man ihm Form geben kann. Vasen, Becher, Schneekugeln …

Das habe ich versucht und bin gerade dabei, endlich jeder Karte eine Message zuzuordnen. Nachdem ich alles auf ein Wort reduziert hab, ist es nun an der Zeit, dem Gerüst etwas Fleisch auf die Rippen zu packen. Und dabei ändern sich schon wieder einzelne Begriffe und ich muss wieder überlegen, in welche Richtung die Kartenbedeutung geht. Momentan bin ich auf dem Stand, dass die Karten weder positiv noch negativ sind, was sie bei Crowley und Rider-Waite-Smith ja ganz stark sind. Aber das finde ich falsch. Es kommt auf den Menschen, die Situation und den Blickwinkel an. Klarheit kann eine tolle Erkenntnis sein, sie kann mich aber auch massiv enttäuschen und aus der Bahn werfen. Ich finde es wichtig, dass man sich der zwei Seiten jeder Münze bewusst ist.

* Ausgetreten. Sofort.

** I’m not so sure about that …

Ja, ich weiß. Das war lang und ziemlich langweilig. Und es ist immer noch kein klares Konzept in Sicht. Na ja, wenigstens wird die nächste Episode deutlich kürzer.

Doku-Seiten

Die Geister, die ich rief
39
Drohbrief-Style
40
Grundschulmathematik
43
Stay up to date!

Subscribe to the newsletter:

Leave a Reply

WordPress Cookie Plugin by Real Cookie Banner