Okay, diese Episode hat eigentlich so gar nichts mit Tarot zu tun. Sie ist nur ein philosophischer Höhenflug über Kreativität und die Menschheit. Darüber, die Welt zu verstehen. Let’s go …
Der Graf und ich
Auf der Gassirunde war es windig und ich sinnierte über den Narren und seinen Call to Adventure. Hat man den Narren verstanden, hat man alles verstanden. Das Alpha und das Omega. Der Narr ist glücklich, zufrieden, sorgenfrei. Er ahnt nichts von den Wundern der Welt da draußen, aber er weiß auch nichts von ihrer Bosheit und ihrem Schrecken. Warum bricht er trotzdem auf? Ganz einfach: weil Friede Freude Eierkuchen dem Menschen nicht reicht. Das behaupten wir zwar immer (Zitat Jessica: Ich will einfach nur meine Ruhe haben), aber es stimmt nicht. Sonst hätten Adam und Eva ja auch die Finger vom Obstbaum gelassen. Wir ahnen, dass es mehr gibt. Wir streben.
Wonach eigentlich?
Als die Leinen so im Wind flogen, frug ich mich wie ein Kind, wie ein Narr, woher der Wind kommt. Früher dachten die Menschen, er käme von den Göttern oder so. Poseidon schickt einen Sturm und lässt die Wellen tosen. Heute wissen wir, dass Wind eigentlich nur Druckausgleich ist. Warme Luft erwärmt sich, steigt auf, kalte strömt nach. Die Sonne wars. Das Feuer. Es bewegt die Luft. Und die Luft wiederum bewegt das Wasser, löscht oder entfacht das Feuer. Und dass die Erde fest und unbeweglich ist, ist auch nur die halbe Wahrheit. Feuer, die Hitze im Inneren der Erde, bewegt die Erde. Eyjafjallajökull. Im Naturführerkurs hatten wir auch Geologie. Endogene und exogene Kräfte. Auch die Luft bewegt die Erde. Das Wasser sowieso. Sedimentation. Wir sehen all das in Felsen, Gesteinen, Aufschlüssen.
Alles ist in Bewegung. Immer. Auch wir Menschen. Wir können nicht einfach stillstehen und uns des Lebens freuen. Wir können nicht den Wind oder einen Sonnenbrand spüren und uns nicht fragen, woher das kommt, warum das so ist. Als Kinder fragen wir noch laut nach, irgendwann stumpfen viele von uns ab und halten die Klappe. Aber eigentlich wollen wir die Welt verstehen. Das ist unser Fluch – und unser Segen. Ist es so einfach? Bricht der Narr deshalb auf? Und was heißt das, die Welt verstehen? Da kommt mir Graf von Krolock in den Sinn: »Ich will die Welt verstehn und alles wissen und kenn mich selber nicht.« Später: »Die wahre Macht, die uns regiert, ist die schändliche, unendliche, verzehrende, zerstörende und ewig unstillbare Gier.« (Original (German) Cast Of »Tanz der Vampire« – Thema, 2019, 4:27; 5:49)
»Die wahre Macht, die uns regiert, ist die schändliche, unendliche, verzehrende, zerstörende und ewig unstillbare Gier.«
Graf von Krolock ist der Obervampir aus Tanz der Vampire (Moment – in meinen Großen Arkana gibt es keinen Vampir – wieso?). Seine Gier ist die Gier nach Blut, für die er durch die Jahrhunderte hindurch immer das töten musste, was er liebte, und so niemals glücklich werden konnte. Auch Tanz der Vampire ist eine Geschichte und der Graf ist mehr als ein blutrünstiger, wenn auch sehr reflektierter, Vampir. Er verkörpert sicher auch den Menschen, der ewig strebt, ewig will und nie zufrieden sein kann. Und was ist dann die Gier nach Blut? Okay, bei manchen Individuen mag sie genau das sein. Aber ich muss mir einreden, dass dort etwas schiefgelaufen ist, um mein mit großer Mühe aufgebautes positives Weltbild aufrechtzuerhalten.
Ist es die Suche nach Erkenntnis? Wissensdurst? Durst, dieses unfassbar elementare Gefühl. Ist es das Sich-selbst-kennen, von dem von Krolock singt? Selbsterkenntnis. Oder Individuation? Libido, die Lebenskraft? Doch wieder Maslow und die Pyramide: Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz? Die Liebe? Der Graf nennt die Liebe. Er nennt auch das Glück. Doch wenn er die Liebe hat, muss er sie zerstören. Er wünscht sich nichts mehr, als »einen Augenblick des Glücks« (Original (German) Cast Of »Tanz der Vampire« – Thema, 2019, 2:40). Aber Glück reicht uns Menschen nicht. Um glücklich zu sein, müssten wir die Welt nicht verstehen. Nicht mal uns selbst. Also, was ist diese »Gier«, die uns antreibt? Ich zerbreche mir über von Krolocks Solo seit über zwanzig Jahren den Kopf. Ich hab es bestimmt siebenhundert Mal gehört. Ich kann es auswendig. Und ich weiß es nicht.
PHILOSOPHISCHER HÖHENFLUG
Aber etwas resoniert. Ich kenne die Gier. Sonst würde ich jetzt rumsitzen und in der Nase bohren, statt mich mit dieser ausufernden Thesis zu befassen. Etwas in mir strebt nach irgendwas – und wie der melancholische Graf kenn ich mich selber nicht und kann es nicht benennen, nicht erfassen.
Meine unvollständige These ist ja, dass es die Kreativität ist. Das Potenzial zu erschaffen, zu gestalten, das nach außen drängt und nach Verwirklichung strebt. Csíkszentmihályis Buch heißt Creativity. The Psychology of Discovery and Invention (2013). Discovery and Invention. Entdeckung und Erfindung. Das ist das, worin wir Menschen uns vom Affen unterscheiden. Und wir wollen nicht nur entdecken und erfinden, wir wollen damit offenbar auch etwas machen, etwas verändern. Aber warum? Weil kreatives Denken und Machen Flow auslöst und Flow sich einfach geil anfühlt? Weil wir uns dann in unserem Element fühlen? Für Csíkszentmihályi ist Flow der Schlüssel zum Glück (sinngemäß … der Buchuntertitel Das Geheimnis des Glücks (2021) verrät es irgendwie). Aber Flow stellt sich nur bei angemessener Herausforderung ein. Also müssen wir die Latte stetig höherlegen, sonst wird es stupide. Heißt: Wir wollen mehr, um uns nicht zu langweilen. Kommt das hin? Ist das die unstillbare Gier, die Kreativität, das Streben nach Flow? Ist die These haltbar? Hat sie so schon mal jemand formuliert?
Csíkszentmihályi schreibt davon, dass die Menschen, als die ersten Schöpfungsmythen entstanden, zunächst hilflos waren. Unwissend und staunend den Naturgewalten ausgeliefert, dachten sie sich schöpfende (heißt gestaltende, kreative) Götter aus, um ihre Welt zu verstehen. Mit den großen Zivilisationen und dem Fortschritt wurden die Menschen immer weniger hilflos: »[…] the entire face of the earth transformed by human craft and appetite. It is not surprising that as we ride the crest of evolution we have taken over the title of creator.« (2013, S. 5)*
»[...] the entire face of the earth transformed by human craft and appetite. It is not surprising that as we ride the crest of evolution we have taken over the title of creator.«
Ist es das? Ein Gotteskomplex? Weil Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf (oder so)? Wollen wir einfach rausfinden, wie weit wir gehen können? Alles ausloten, was möglich ist? Neugier ist ja auch eine Gier. Oder ist es die logische, höher entwickelte Fortsetzung des Schöpfungsdrangs, die allen Wesen angeboren ist, nämlich dem zur Fortpflanzung? Wenn man es runterrechnet, sind Liebe, Romantik, Erotik und die ganze Pornoindustrie nur Biochemie, die den Fortbestand der menschlichen Rasse sicherstellen soll. Auf der menschlichen Stufe der Evolution ist das aber vielen vielleicht doch zu wenig. Und ich kenne einige »Kreative«, die, unabhängig von Arbeitsbereich, Familienstand, sexueller Orientierung und Kinderwunsch oder nicht, ihre Werke als ihre Kinder betrachten, ihre Schöpfungen. Wenn ich das Deck das erste Mal in den Armen halte, erleide ich wahrscheinlich einen Oxytocinschock. Und kriege jetzt schon postnatale Depression, wenn ich ans Ende dieser Arbeit denke.
Aber was weiß ich schon. Ich bin kein Psychologe, kein Forscher und kein Philosoph. Ich bin, wenn ich mir das alles so recht betrachte, wahrscheinlich nur ein Geschichtenerzähler. Und das reicht. Homer war ja auch »nur« ein Geschichtenerzähler. Und doch kann ich es nicht lassen, die Welt ergründen zu wollen. Den Grund hinter dem Grund, das Mysterium hinter dem Mysterium. Das letzte Geheimnis. Die unstillbare Gier.
* Sh*t, das ist so poetisch!
Was meinst du? Was könnte die unstillbare Gier sein? Lass einen Kommentar da, falls du magst! 😉



