Endlich: Kapitel 4! In dieser Episode werde ich einen ersten Blick auf das Thema Spielkarten werfen (in spĂ€teren Episoden geht’s noch vieeel mehr um Spielkarten, das hier ist erst der Anfang) und mich noch ein bisschen mit KreativitĂ€t, vor allem mit MihĂĄli CsikszentmihĂĄlyis Buch Creativity, befassen.

Die Episode ist vielleicht nicht sterbenslangweilig, aber auch kein BrĂŒller. DemnĂ€chst gibt es Audio-Episoden, dann kannst du dir das Ganze einfach entspannt anhören. 😉

Kartenhaus

Nach Ticket 3 denke ich ĂŒber das Layout meiner Karten nach. Ich will ja, dass sie spielbar sind, also mĂŒssen Farbe und Wert so abgebildet werden, dass ich sie erkenne, wenn ich die Karten in der Hand auffĂ€chere. Beim RommĂ©-Duell letzte Woche fragte jemand, ob das (also die Shakespeare Cards) LinkshĂ€nderkarten seien. Farbe und Wert sind oben links und unten rechts abgebildet. So kenne ich es auch. Aber ich frage zur Sicherheit mal Google und schaue mir Bilder an, wĂ€hrend ich irgendetwas Belangloses in der Mediathek schaue.

Und schon ist es passiert. Ich drifte virtuell durch die Geschichte und Bilderwelt der europĂ€ischen Spielkarten und komme nicht mehr raus. Es gibt die oben-links-unten-rechts-Variante und die mit den Markierungen in allen vier Ecken. Verbote von Spielkarten belegen zweifelsfrei, dass es Spielkarten in Europa bereits Ende des vierzehnten Jahrhunderts gab. Dass sie verboten und spĂ€ter wohl sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, ist naheliegend. GlĂŒcksspiel.

Das französische Blatt mit Kreuz, Herz, Pik und Karo wurde wohl zum Exportschlager, weil sich Lyon im 16. Jahrhundert zu einer Hochburg der Spielkartenherstellung mauserte. Aber es gibt noch andere BlĂ€tter. Zum Beispiel das deutsche Blatt mit Eichel, Laub, Herz und Schelle (das ich zwar kenne, aber nie in echt gesehen habe) und – aha! – das italienisch-spanische Blatt mit StĂ€ben, Kelchen, Schwertern und MĂŒnzen. Die Farben gehören also ursprĂŒnglich nicht ins Reich der Esoterik. Dass sie den StĂ€nden des Mittelalters zugeordnet sind (Bauern, Klerus, Adel, BĂŒrgertum /Handel) habe ich auch schon in TarotbĂŒchern gelesen. (»Spielkarte«, 2024)

Viel spannender ist die Entdeckung, dass die Figuren auf den allseits bekannten Standard-Skatkarten tatsĂ€chlich jemanden abbilden. Der Karo König zum Beispiel Julius Caesar, die Kreuz Dame mit der Sonnenblume die römische Göttin Juno. Eine Frage, die ich mir seit Kindertagen stelle, ist beantwortet. Ich bin gefĂŒhlt in Kneipen aufgewachsen und wenn ich keine Malsachen dabei hatte, hab ich aus Bierdeckeln oder Spielkarten (wo es einen Stammtisch gab, da gab es auch Karten) KartenhĂ€user gebaut und mich in die Kartenbildchen vertieft und mir Geschichten ausgedacht. HĂ€tte nicht gedacht, dass ich daraus mal eine Bachelorarbeit mache …

Es gab anscheinend schon immer unendlich viele vom Zeitgeist inspirierte Spielkarten-Designs. Über Hindenburg und Zeppelin in Gestalt der Buben wundere ich mich kaum. Den Doppeldecker ĂŒber der Seine und die deutschen Kriegsschiffe finde ich dann doch etwas befremdlich. StĂ€rkung der Moral ĂŒber das Kartenspiel? Interessant finde ich, dass im deutschen Blatt die Hofkarten Ober, Unter und Daus (die ich noch nicht ganz verstanden habe) Figuren aus Schillers Wilhelm Tell und eine Jahreszeit abbilden. (Anton, 2018)**

* Hatte ich das irgendwo geschrieben?

** Oha, hier fing das mit den Karten ja erst richtig an. Kaum hatte sich der Kreis geschlossen, flog die BĂŒchse der Pandora wieder auf.

VIDEO COMING SOON!

Und dann gibt es noch das Tarock (oder französisch: Tarot). Laut Wikipedia bezeichnet der Begriff eine ganze Reihe Àhnlicher Kartenspiele, von denen ich noch nie gehört habe (Königrufen? HÀ?). Die Entstehung wird auf den Anfang des 15. Jahrhunderts in die Po-Ebene verfrachtet, zum Wahrsagen sollen sie ab dem 18. Jahrhundert verwendet worden sein. Das Tarock-Spiel kennt je nach regionaler AusprÀgung bis zu 22 Trumpfkarten, die mit römischen Ziffern durchnummeriert und keiner Farbe zugeordnet sind. (»Tarock«, 2024)

Dass das Tarockspiel der VorlĂ€ufer des mystischen Tarot ist, ist eine Binsenweisheit, die in jedem Tarotbuch steht. Folgt man der Geschichte des Tarot weiter, kommt irgendwann die Vermutung auf, dass es im alten Ägypten mit seinen geheimnisvollen Kulten entstand. Und dann kamen eben der Order of the Golden Dawn, Waite, Crowley und die ganze Mystik hinzu.

Ich halte es fĂŒr wahrscheinlich, dass sowohl die Tarock- wie auch die anderen Spielkarten irgendwann und irgendwo einfach zur Wahrsagerei verwendet wurden. Den Karten haftete durch Aberglaube, Verbot und Scheiterhaufen ohnehin etwas Obskures an. Und Menschen haben sicher schon immer geglaubt, in irgendwas, und sei es nur Kaffeesatz, die Zukunft sehen zu können. Und wenn man die Hofkarten personifiziert und den Farben StĂ€nde zuordnet, gibt man ihnen ja bereits Bedeutung und Symbolik. Wir Menschen sind halt so. Mystery solved.

Was heißt das fĂŒr meine Karten? Ich tendiere dazu, meine Idee von Funken, Spiegeln, Federn und Werkzeugen zu verwerfen. Zu abstrakt, zu merkwĂŒrdig. Wenn ich Back to the Roots will, kann ich sie auch einfach Pik Sieben und Karo Acht nennen. Ich mag das französische Blatt mit seiner Klarheit. Nur farblich mĂŒssen wir etwas Ă€ndern. Im Turnierskat ist wohl das französische Blatt mit deutschen Farben ĂŒblich. Aber da ist Pik dann grĂŒn und Karo orange. Das korrespondiert null mit den Elementen und ist keine
Option. Schade. Ich will die Elemente und am liebsten auch die Reihenfolge, also die ganze Systematik, auf die ich ja so viel Wert gelegt habe, abbilden. Mir geht auf, dass das bei den Tarotdecks völlig fehlt. Weder sind sie spielbar, noch haben die Farben und Nummern irgendeinen wirklichen Bezug zueinander. Gut, auf der 6 der Kelche sind sechs Kelche oder bei Phyllis Curott sechs Wassertiere abgebildet. Auf der 7 der Kelche dann eben sieben Kelche oder Wassertiere. Aber sie hÀngen nicht wirklich zusammen

Um Ideen zu kriegen, wie ich Farbe und Zahl sinnvoll und Àsthetisch in den Ecken platzieren kann, stöbere ich auf Etsy und suche diesmal nicht nach Tarotdecks, sondern nach Spielkarten. Die Flut der Ergebnisse ist Àhnlich und auch hier rutscht vieles ins Dunkle und Mysteriöse und Magische ab. Ich finde ein Ilias-Kartenspiel und sehe, wenig verwunderlich, das Trojanische Pferd. Aber! Der Kopf des Pferds ist auf der einen Karte, der Hintern auf der anderen. Sie liegen nebeneinander und ergeben zusammen den Gaul. Vielleicht sind das die Joker in diesem Deck? Die anderen Karten hÀngen nicht zusammen.

Was wĂ€re, wenn meine Karten irgendwie visuell zusammenhĂ€ngen könnten? Nicht, dass sie zusammengelegt ein riesengroßes Bild ergeben mĂŒssen, das schaffe ich nicht. Aber wenn zum Beispiel horizontal (alle Zweier) und vertikal (Ass, Zwei, Drei …) irgendein Element durchlĂ€uft und so visuell den Platz dieser Karte definiert? Könnte ich so etwas hinkriegen?

Ich ĂŒberlege, welche Elemente wie einsetzbar sind, denn davon hĂ€ngt das Layout ab. Jede Farbe (Kreuz, Pik …) könnte die Farbe des Elements aufgreifen; Rot fĂŒr das Feuer, Blau fĂŒr die Luft. Das ergibt Sinn, ist intuitiv und könnte bei der Interpretation helfen. Die Zahlen könnten zum Beispiel durch geometrische Elemente (Punkt, Linie, Dreieck) dargestellt werden. Die Darstellung in dem Marseille-Buch hat mir sehr bei meinem VerstĂ€ndnis geholfen. Mit der Anzahl Kelche, Spiegel oder Ähnlichem möchte ich eigentlich nicht arbeiten, es erschwert die Darstellung, hatte ich ja ganz am Anfang schon mal festgestellt. Und ich sehe keinen Mehrwert darin.

Die drei Kartentypen Zahlen, Hofkarten und Trumpfkarten sollen sich visuell deutlich voneinander unterscheiden, wie sie es im Tarock tun, in den modernen Tarotdecks aber nicht. Dort ist alles vollflĂ€chig zugemalt, gerne noch mit verspielten Art Nouveau-RĂ€ndern, wahrscheinlich, weil man nicht wusste, wie man sonst die Kartenbezeichnung einbringen soll. Not my Style. Keine RĂ€nder, Rahmen und BordĂŒren, dafĂŒr mehr Weißraum, zumindest auf den Kleinen Arkana.

SPIELKARTEN-DESIGN

Seele

WĂ€hrend ich mich davor drĂŒcke, einen Bleistift in die Hand zu nehmen, lese ich weiter zur KreativitĂ€t. Julia Camerons The Artist’s Way begeistert mich auf den ersten Seiten vollkommen, als das Programm dann anfĂ€ngt, lege ich es weg. EnttĂ€uschend. Langatmig. Wieder ist von quasi-göttlichen KrĂ€ften die Rede, die man nur fließen lassen muss, denen man nicht im Wege stehen soll. Laut ihr die gleichen KrĂ€fte, die auch dafĂŒr sorgen, dass die Blume erblĂŒht (Cameron, 2020, S. xix). Ich nehme Creative Confidence von den Kelley-BrĂŒdern zur Hand. In der Einleitung schreiben sie vom creative myth, der die Menschen und die TĂ€tigkeiten in kreativ und nicht kreativ einteilt. Dem stellen sie die creative confidence gegenĂŒber: »At its core, creative confidence is about believing in your ability to create change in the world around you«. (Kelley & Kelley, 2015, S. 1,2) Etwas spĂ€ter fĂ€llt auch der passende psychologische Begriff dazu: Selbstwirksamkeit (self-efficacy, S. 10).

Und da haben wir’s doch. Selbstwirksamkeit bedeutet, dass das, was ich tue, wirskam ist. Bedeutet: Macht. Und irgendwo, Star Wars vielleicht, habe ich mal das Zitat gehört »With great power comes great responsibility« (Okay, Wikipedia sagt, der Satz wurde durch die Spider Man-Verfilmung mit Toby Macguire populĂ€r und verweist auf andere Aussagen und Geschichten in der Geschichte, die den gleichen Inhalt transportieren. (»With great power comes great responsibility«, 2024)). Macht, Schöpferkraft, bedeutet Verantwortung. Und sich vorzustellen, dass wir die Schöpferkraft aka KreativitĂ€t ganz natĂŒrlich in uns tragen und einsetzen können, klingt absurder als jeder Fantasy-Schinken. Unseren Willen wahr werden zu lassen (zaubern?) ist doch das, was wir im Grunde alle wollen. Und die Möglichkeit, dass wir das tatsĂ€chlich können, dass wir die Macht dazu haben, ist beĂ€ngstigend.*

Ich bin fĂŒr mich zu dem Schluss gekommen, dass wir die KreativitĂ€t mit allem, was dazugehört, einfach ganz natĂŒrlich in uns tragen. Ich wĂŒrde so weit gehen, sie Seele zu nennen – noch so ein undefinierter Begriff. Ist es nicht unsere Seele, die sich im Grunde verwirklichen will? Viel mehr, viel stĂ€rker, als unser Ego? Ist es nicht die Seele des KĂŒnstlers, die große Meisterwerke hervorbringt? Und ist es nicht unsere Seele, die in uns klingen, singen oder schmerzen kann?

Wir Menschen sind nicht die einzigen Geschöpfe mit einer Seele. FĂŒr mich haben alle Geschöpfe Seele. Die Hunde, die auf meiner Couch wohlig schnarchen, ebenso wie die MaulbeerbĂ€ume in meinem Garten oder der Wolf, der nicht allzu weit von hier wieder Revier bezogen hat. Beim Wolf geht es noch instinktiver zu. Fressen, vermehren. Mein BĂ€umchen lebt ganz im Kreislauf der Natur. Es wĂ€chst, bringt FrĂŒchte hervor, wirft die BlĂ€tter ab. Jedes Jahr wieder. Meine Hunde kennen anscheinend schon Dinge wie Vorfreude, Verbundenheit und auch Langeweile. Den Begriff der Selbstwirksamkeit habe ich ĂŒbrigens zum ersten Mal bewusst beim Hundetraining gehört.

Von daher stimme ich Cameron zu: Die Kraft, die uns erschaffen lĂ€sst, ist letztlich die gleiche, die die Blume blĂŒhen lĂ€sst. Die Seele. Und die schreibe ich immer weniger einem Gott zu, sondern ganz einfach der Natur. Oder prĂ€ziser: der Evolution. Die Evolution ist wahnsinnig kreativ. Und sie hat dafĂŒr gesorgt, dass alle Lebewesen die nötigen und passenden Merkmale und Wahrnehmungen und Instinkte entwickelt haben. Sonst hĂ€tten wir vielleicht alle lange HĂ€lse, Flossen und eingebautes Echolot. Und der Mensch, ohne Fell, ohne Flossen, ohne ReißzĂ€hne, musste eben erschaffen, um zu ĂŒberleben. Feuer nutzbar machen, Behausungen bauen. DafĂŒr brauche ich Holz, Holz muss von A nach B geschafft werden. Also erfinde ich irgendwann das Rad. Und so weiter.

Und ich setze noch einen drauf: Wie bei Genetik und PrĂ€gung geben wir die Seele weiter. Wir stecken Herzblut in unsere Werke. So werden auch unsere Artefakte irgendwie beseelt. Im ĂŒbeertragenen Sinn spĂŒren wir das an Geschenken, ErbstĂŒcken und Souvenirs, denen wir unabhĂ€ngig von ihrem monetĂ€ren Wert subjektiv einen emotionalen Wert beimessen. Das Teil wurde von uns beseelt, könnte man sagen.

Nun ja, und so, wie die Blume durch eine Mischung aus Seele und Naturgesetzen irgendwann blĂŒht, so brechen auch Vulkane aus und so kreisen vielleicht auch Planeten und Sterne und Galaxien in diesem verrĂŒckten Universum. Vielleicht hat auch der Jupiter eine Seele.

Aber zurĂŒck zu uns Menschen. Meine aktuelle These ist, dass wir einfach evolutionĂ€r bedingt ganz normal eine Seele haben. Vielleicht schließt die neben unserer natĂŒrlich vorhandenen KreativitĂ€t auch unseren Geist und unser Unbewusstes ein. Vielleicht ist das alles eins. Wir haben diese Seele, andere Lebewesen haben diese Seele, alles Unbelebte um uns herum hat es meiner Meinung nach auch in seiner spezifischen Form – und wir geben unsere Seele an das, was wir erschaffen, und das, worum wir uns kĂŒmmern, weiter. Diese Seele mĂŒsste, wenn sie Galaxien im Gleichgewicht hĂ€lt, Ă€lter sein als die alten Götter. Also gibt es entweder noch einen Obergott, der irgendwo die Strippen zieht**, oder … es ist halt einfach so.

Der Punkt ist: FĂŒr mich ist KreativitĂ€t nichts, was göttlicherweise in uns ist, was die Musen uns eingeben und was wir dann verwirklichen oder dem wir nicht im Wege stehen sollen.*** FĂŒr mich ist sie, genauso wie die AbgrĂŒnde des Unbewussten und meinetwegen die Intelligenz, die teils vererbt und teils geprĂ€gt ist (und ĂŒber die jeder verfĂŒgt!), einfach ein Teil von uns, mit dem wir bestmöglich umzugehen haben. Wir können sie einsetzen oder verdrĂ€ngen. Letzteres ist einfacher, weil es weniger Macht und weniger Verantwortung mit sich bringt. Aber leider auch weniger ErfĂŒllung. Der Weg der ErfĂŒllung fĂŒhrt ĂŒber den Einsatz der KreativitĂ€t. Wenn wir unser kreatives Potenzial voll ausschöpfen, können wir unsere Welt verĂ€ndern und formen. Und jeder von uns hat mit seiner KreativitĂ€t etwas Wertvolles beizutragen. Auch wenn er es noch nicht weiß.

Ich werde weiter zur KreativitĂ€t recherchieren und habe, wer hĂ€tt’s gedacht, noch ein Buch (anscheinend das einzige Buch) zur Geschichte der Spielkarten bestellt. Ob das alles ĂŒberhaupt irgendwas zum Ergebnis dieser Thesis beitrĂ€gt, weiß ich nicht. FĂŒr die Karten ist es irrelevant, warum mein Maulbeerbaum FrĂŒchte trĂ€gt und wer im achtzehnten Jahrhundert auf welcher Karte abgebildet war. Aber … fĂŒr mich ist es gerade wichtig. Und irgendwie fließt das ja dann doch alles in meine praktische Arbeit ein – und wenn auch nur als Seele.

* Derzeit bin ich ja doch wieder eher auf dem Stand, dass es vielleicht gar nicht unser eigener Wille ist. Vielleicht sind wir eben doch nur GefĂ€ĂŸe, Gehilfen, die gar nicht ihren Willen verwirklichen. Aber wir werden ausgewĂ€hlt. Ach, dazu kommt spĂ€ter mehr, ich versuch es hier jetzt nicht zu erklĂ€ren, das klingt ja wie in einer Sekte … keine Panik, es wird alles Sinn ergeben. Vielleicht.

** Yes.

*** Oder doch. Vielleicht ein Mix? Etwas in uns, das mit dem Göttlichen resoniert?

MEHR RECHERCHE

KomplexitÀt

Ich muss mitschreiben, wĂ€hrend ich lese, sonst verschwimmt es alles wieder. Zwischendurch habe ich Creative Confidence weiter gelesen, dann nur noch ĂŒberflogen. Design Thinking-Prozesse und ein bisschen Psychologie. Ich habe noch nie so viele BĂŒcher angefangen und wieder weggelegt. Wieso? Wenn ich jetzt sage »Weil ich das alles schon weiĂŸÂ« klingt es ĂŒberheblicher, als ich beabsichtige, und falsch ist es obendrein. Aber so in etwa fĂŒhlt es sich an. Es geht alles irgendwie in die falsche Richtung, bestĂ€tigt mich zwar in vielem, aber die bahnbrechenden Erkenntnisse fehlen.

Also: ZurĂŒck zu CsĂ­kszentmihĂĄyi (2013). Ich hatte auf Seite 36 (ja, weit gekommen …) aufgehört zu lesen. Ja, weit gekommen … Dort steigt er nun direkt mit den Wahrnehmungen und Instinkten der Tiere ein. Hat er bei mir abgeschrieben? Aber statt meiner Seelentheorie schreibt er, dass wir zusĂ€tzlich mit Symbolen arbeiten. Und die verschiedenen Symbolwelten von Notensystemen bis zur Mathematik bilden eben die DomĂ€nen, in denen KreativitĂ€t aufkommen kann. Ich erinnere noch mal dran, dass CsĂ­kszentmihĂĄlyi, sobald es um DomĂ€nen und Felder geht, von Big-C spricht und nicht von meiner Definition von KreativitĂ€t. Er nennt das Wissen um die Symbole extrasomatisch. Nicht vererbt, sondern erlernt. (S. 36, 37)

Nun, im dritten Kapitel, geht es endlich um die kreative Persönlichkeit. CsĂ­kszentmihĂĄlyi nennt eine gewisse genetische PrĂ€disposition, zum Beispiel SensibilitĂ€t fĂŒr Farbe und Licht im Falle des Malers, als begĂŒnstigenden Faktor. Von hier kann Interesse leichter erwachsen. (S. 52)* Weitere Faktoren sind wieder gesellschaftlicher Natur, aber keiner davon ist zwingend notwendig, damit jemand kreativ wird. Auf Seite 56 stellt er selbst die Frage »When do we get to the interesting part«, den tiefen Geheimnissen der kreativen Persönlichkeit – und erklĂ€rt, dass er nicht weiß, ob er dazu viel schreiben kann, weil es eben nicht den einen kreativen Zug gibt.

Aber er tut es natĂŒrlich doch. Ich mag den Mann. Auf Seite 57 gibt er widerwillig seine Antwort: »If I had to express in one word what makes their personality different from others, it would be complexity. By this I mean that they show tendencies of thought and action that in most people are segregated. They contain contradictory extremes – instead of being an »individual«, each of them is a »multitude«. Like the color white that includes all the hues in the spectrum, they tend to bring together the entire range of human possibilities within themselves«. Zwar haben alle Menschen diese QualitĂ€ten, die meisten entwickeln aber nur je einen von zwei Polen, Kreative mit höherer Wahrscheinlichkeit beide, heißt es weiter. Er geht kurz auf Jung und die unterdrĂŒckten Schatten ein, ohne deren Anerkennung wir nie komplett sein können, und stellt klar, dass die Kreativen nicht »wishy-washy« oder irgendwo in der Mitte sind, sondern einfach beide Extreme ohne inneren Konflikt kennen und erleben. (S. 57)

Oha, jetzt wird’s spannend. Das Dasein zwischen, nein, in zwei Polen habe ich immer als meine charakteristischste Eigenschaft betrachtet. Der Konflikt kam immer nur daher, dass ich dachte, ĂŒberzeugt war, man könne nur eines sein. Vorsichtig oder risikofreudig. ZurĂŒckhaltend oder durchsetzungsfĂ€hig. Das fragen doch die ganzen Persönlichkeitstests – egal ob in der Bravo oder in der Psycho-Klinik – oder? Ich dachte, dieses Erleben ist normal. Oder dass ich eben doch schizophrene ZĂŒge habe oder mich einfach nicht wirklich festlegen will, wie oder was ich bin. Mein Leben wurde etwas entspannter, als ich mir irgendwann dachte »Na gut, dann bin ich halt ein Freak.«

Goethe kommt mir in den Sinn. »Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrĂŒbt, glĂŒcklich allein ist die Seele, die liebt«. Da ist sie wieder, die Seele. **

Ich habe nun weitergelesen und den ersten Teil des Buchs verschlungen. Ich bin so aus dem HĂ€uschen, dass ich hier am liebsten eine Zusammenfassung schreiben wĂŒrde. Vielleicht eine ganz kleine?

CsĂ­kszentmihĂĄlyi zĂ€hlt die zehn dialektischen Eigenschaften auf und entmystifiziert in gewisser Weise schon hier die KreativitĂ€t. Er geht auf divergentes und konvergentes Denken ein und stellt ganz klar, dass divergentes Denken, die vielen Ideen (meiner Meinung nach das, was viele unter KreativitĂ€t und Kunst verstehen) relativ nutzlos ist ohne konvergentes Denken, das Rationale, das die eine Lösung sucht. Es geht weiter: Es braucht natĂŒrlich Verspieltheit, aber was dann folgt, braucht Ausdauer und ist harte Arbeit. (S. 60, 61)

Unerwartet: Er zĂ€hlt auch die Pole feminin und maskulin auf und konstatiert, dass die von ihm untersuchten Kreativen Tendenzen zur psychologischen (nicht physischen oder sexuellen) AndrogynitĂ€t aufweisen; die Frauen also neben traditionell femininen ZĂŒgen auch stark ausgeprĂ€gte traditionell maskuline ZĂŒge aufweisen – und umgekehrt. (S. 70, 71)

Das nĂ€chste Kapitel, The Creative Process, dreht sich um … na ja … den kreativen Prozess. CsĂ­kszentmihĂĄlyi sagt, dieser sei traditionell in die fĂŒnf Schritte preparation, incubation, insight, evaluation und elaboration eingeteilt, verlaufe aber nicht linear und enthalte Iterationen (S. 79 – 81). Probleme, die ja zur preparation, Vorbereitung, fĂŒhren, werden in presented und discovered (S. 95) eingeteilt. Klar, presented ist ein bekanntes Problem, das nach einer Lösung verlangt; discovered ist ein Problem, von dem noch niemand weiß. Als Beispiel fĂŒr Letzteres wird Darwin genannt. Es gab kein Problem. Gott hatte die Arten erschaffen, alles war gut. Nur dĂ€mmerte Darwin auf seinen Exkursionen, dass das vielleicht doch etwas zu einfach war (S. 97, 98).

Spannend hieran finde ich den Vergleich mit der Bachelor Thesis. Man kriegt ja ein bisschen mit, wie schwierig die Themenfindung fĂŒr manche ist. Es gibt keine Aufgabenstellung, kein vorgefertigtes Problem. Man muss sich selbst eins suchen. Das ist eine kreative Herausforderung.

Viel Aufmerksamkeit wird der Inkubationszeit gewidmet, in der der Kreative sich mit anderen Dingen beschĂ€ftigt und irgendwann wundersam die nĂ€chste Stufe, insight, das Heureka, erreicht. Eine vorgestellte Lösung, was da unbewusst passiert, greift etwas befremdlich auf Freud (Freud, immer wieder Freud …) zurĂŒck; die kreative Neugier wĂ€re demnach ein Produkt der kindlichen VerdrĂ€ngung. Bewusst sucht der Kreative nach irgendwelchen Lösungen, die unbewusst darauf abzielen, seine kindlichen VerdrĂ€ngungen zu verstehen (S. 100). An einem konkreten Beispiel bezeichnet CsĂ­kszentmihĂĄlyi die These als »spectacularly implausible« (S. 101) und gibt stattdessen einen Gegenentwurf ab: Sobald wir den Verstand nicht mehr lenken, kann er eigene Assoziationen bilden, ohne dass diese direkt vom Bewussten zensiert werden (S. 101). Das klingt schon logischer. Und ich möchte anfĂŒgen, dass nach dem langen, bewussten Kauen auf einem Problem der Verstand (oder das Unbewusste) auch feiner, empfĂ€nglicher reagiert. Dann fĂŒhrt man vielleicht ein GesprĂ€ch oder schaut einfach Fernsehen, wo etwas gesagt wird, und mit einem Wort, das mit dem Problem erst mal gar nichts zu tun hat, ergibt plötzlich alles Sinn. So breit, so divergent, können wir bewusst gar nicht denken. Aber wir mĂŒssen vorher zumindest schon mal gedacht haben, damit es dann funktionieren kann.

* Ich hab’s zwischenzeitlich in anderer Form woanders (Angela Duckworths Grit??) als Spruch im Basketballtraining gehört: You can’t train height. Das leuchtet ein.

**…..Hat Goethe in KlĂ€rchens Lied
geschrieben.

Das war das Intro zum Thema Spielkarten & KreativitĂ€t … Damit ist nun eigentlich die ganze trockene Theorie erledigt und ich könnte in der nĂ€chsten Episode ans Werk gehen … Abwarten. 😉 

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