Also was ist denn nun »Kreativität«? Was ist »kreativ«? Was nicht? Und ist es möglich, dass wir alle kreativ sind? Hier kommt mein erster Versuch, Kreativität zu definieren. Und wahrscheinlich werde ich langsam verrückt.
Turbo!
Gestern haben wir bei einem Romméduell bis spät in die Nacht die Shakespeare-Karten eingeweiht. Heute Morgen bin ich um Viertel vor sechs zum Klang der Marseillaise aufgewacht. Mein erster bewusster Gedanke des Tages war, dass ich unbedingt einen Dreispitz brauche. Der kam mir, als ich vom Bett zum Wasserkocher schlurfte und dabei mit der rechten Hand rumfuchtelte, als würde ich eine Marschkapelle anführen. Die Hunde sind nicht mitmarschiert, denn die Marseillaise erklang nur in meinem Kopf.
Kein Wunder, Tarot de Marseille mit seinen Fastnachtsbildchen (die Fastnacht hier ist stark von der Napoleonischen Besatzungszeit geprägt) und seit ein paar Tagen schaue ich in der Mediathek die (sehr gute!) Serienadaption von Les Misérables, dort wurde die Marseillaise gesungen.
Beim ersten Kaffee habe ich mir die Marseillaise angehört, mir den Liedtext noch mal vergegenwärtigt, anschließend einen neuen Nationalfeiertag erfunden und mir vorgestellt, wie all die Kreaturen meiner Großen Arkana an der Feiertagsparade teilnehmen.
Beim zweiten Kaffee musste ich mich dann mal ehrlich fragen, ob mein Leben schon immer so ein Irrenhaus war oder ob das durch die Thesis kommt.
Es war schon immer so.
……New Kids. Turbo! Junge!
Die Thesis ist nur eine Art Turbo, der das alles verstärkt und bewusster werden lässt. Und durch sie erlaube ich mir, meinen absurden Gedanken mehr nachzuhängen. Ich fantasiere ja jetzt quasi im Dienste der Wissenschaft. Und auf wundersame Weise manifestieren sich meine Fantastereien in der Realität. Die Einladung zum Kartenspielen war nur der Anfang. Die Tage erzählte mir ein Freund vom Herr der Ringe-Marathon mit seinem Sohn. Solche Filme, sagte er, schaut er eigentlich gar nicht – doch just nachdem ich mich bemüht hatte, Frodo in die Realität zu verlegen, schaut er sie eben doch. Und heute Morgen, als ich in die Rezeption kam, stand dort eine riesige Schachtel Berliner. Also Kreppel, Faschingsgebäck. Als wäre Feiertag und wir würden auf die Parade warten. Später kam der Kollege rein und erzählte was von der Grinsekatze. Es reißt nicht ab. Und dabei weiß hier niemand, womit ich meine durchschnittlich 7 Stunden und 45 Minuten Bildschirmzeit pro Tag verbringe. Ich inkubiere noch. Das Projekt ist Top Secret.
Aber jetzt mal Butter bei die Fische. Vorhin musste ich auf der Arbeit last minute meine Unterlagen für Ticket 3 hochladen. Ich habe einfach das bereits formulierte Konzept mit der lückenhaften Tabelle zu den Inhalten um die neue Tabelle ergänzt. Und mich seitdem grauenhaft gefühlt. Passt das ganze Kauderwelsch, das ich mir ausgedacht und notiert habe, noch zu dem Konzept? Kann man das überhaupt verstehen, ohne diese langatmige Doku gelesen zu haben? Wie zur Hölle soll ich das denn irgendwem begreiflich machen? Campbell, Odysseus, Graf von Krolock … What?
Mit Ticket 3 übermorgen endet die Konzeptionsphase. Die ersten sechs Wochen Creative Lab sind dann schon rum. Ein Drittel. Der erste Akt.
Also, wo stehe ich? Und wie geht es weiter?
Mit meinen Karteninhalten bin ich recht zufrieden. Und ich habe das Gefühl, dass ich hier den ersten Akt abgeschlossen habe. Weiteres Feilen kommt, wenn ich mich an die Umsetzung mache. Man muss es auch mal in Ruhe lassen können. Dann wird das Layout der Karten entworfen und ich kann über das Begleitbuch und seine Inhalte entscheiden. Dann sind auch die Namen der Farben/Elemente festzulegen. Ich habe mir notiert »Kartensteckbriefe schreiben«. Aber es muss erst ruhen. Wie Teig.
Für Stile und Bildinhalte haben sich in der Konzeption schon Ideen aufgedrängt, ich schiebe sie aber noch zurück. Ich will möglichst unvoreingenommen sehen, was im Entwurfsprozess geschieht.
In meinen Notizen steht noch »Narrengeschichte ausformulieren«. Auch das gehört letztlich in den zweiten Akt, an den Punkt, wenn ich mich wieder mit den Karteninhalten beschäftige. Der erste Akt wäre also fast geschafft. Wäre da nicht …
DEFINITION
Der Elefant im Raum
Und dann steht noch ein dicker, fetter Elefant im Raum. In den fünf oder so Büchern, die ich zum Thema Kreativität bestellt hatte, habe ich geblättert und gestöbert. Csík-szentmihályi auch zu lesen begonnen. In der Unibibliothek hatte ich ausgiebig gesucht und nur ganz, ganz wenig gefunden, was mir relevant erschien. Die erste Sichtung ergab dann auch, dass die Texte mir gerade nicht weiterhelfen. Der Elefant steht hier rum, guckt dumm aus der Wäsche und niemand nimmt sich ihm an. Was genau ist denn diese Kreativität, von der alle reden, eigentlich???
Csíkszentmihályi (2013) unterteilt in drei Kategorien und sein Buch Creativity beziehungsweise die zugrunde liegende Forschung handelt in erster Linie von dem, was ich aus Blogartikeln und dergleichen als Big-C kannte. Große Durchbrüche, Meilensteine, die Ebene der Nobelpreisträger. Neben dem kreativen Individuum gehören hierzu laut Csíkszentmihályi, sehr grob zusammengefasst, auch die Domain, in der solche Kreativität möglich ist, und entsprechende Experten, die den Meilenstein validieren. (S. 25-28)
Nun, das ist eben nicht das, worum es mir geht. Und Nobelpreisträger sind nicht gerade meine Hauptzielgruppe. Also hat sich die Motivation beim Lesen recht schnell wieder verflüchtigt (aber immerhin kann ich Csíkszentmihályi mittlerweile schreiben, ohne zu spicken). Eins der bestellten Bücher, Creative Confidence, spricht mich jetzt, wo es hier liegt, gar nicht mehr an. Ich will es nicht lesen. Die übrigen drehen sich mehr um Kunst als um Kreativität, worum es mir auch nicht zwingend geht. Ich hatte mir mehr Einsichten aus und mehr Motivation für diese Recherche erhofft, das ist doch mein Kernthema!
Tja, und als ich die Bücher gestern oder so entmutigt wieder zum zwischenzeitlich kollabierten Stapel aufschichtete, kam meine ganze Thesis, wie der Bücher- und Kartenstapel, ins Wanken. Ich hatte mir vorgenommen, nun erst mal für mich zu definieren, was ich unter Kreativität verstehe, worum es mir bei diesem schwammigen Begriff geht. Wer meiner persönlichen Definition nach eigentlich diese Kreativen sind, für die ich das Deck ja entwerfe. Also los.
Wer ist kreativ? Was ist kreativ?
Halte ich Nobelpreisträger, die Jahrzehnte in irgendeine bahnbrechende Erfindung stecken, für Kreative? Jap. Halte ich jemanden, der nur für sich aus Freude malt, für kreativ? Durchaus. Und jemanden, der Socken strickt? Aha. Socken stricken an sich ist, wenn man den Dreh einmal raus hat, völlig stupide. In Strickerkreisen nennt man sowas mindless knitting. Das finde ich (persönlich!) nicht kreativ, das ist Beschäftigung vor dem Fernseher. Aber. Ich stufe es als kreativ ein (und empfinde es selbst auch so), wenn man erst mal die passende Wolle aussucht, sich das fertige Projekt, die Kombination aus Wolle und Strickmuster (Zopfmuster zum Beispiel) vorstellt, wie die meisten Stricker Adaptionen vornimmt, zum Beispiel ein anderes Bündchen dranstrickt, das gut passen könnte, und so weiter. Macht man sich dann mit den Nadeln ans Werk und setzt das, was ja letztlich dann doch ein ganz eigener, individueller Entwurf ist, um, ist es meiner Meinung nach ein kreativer Akt, der eben Kreativität voraussetzt.
Einen Socken nach Anleitung und Strickschrift zu stricken, setzt nur das Lesen und die Technik voraus. Es ist das Gleiche wie Malen nach Zahlen, nach Rezept kochen oder ein Billy-Regal aufbauen: Hat man die grundlegenden Regeln verstanden und sich durch Wiederholung ein gewisses Maß an Fertigkeiten angeeignet, kann man das Ergebnis beliebig reproduzieren, ohne auch nur ein Bit Aufmerksamkeit dafür zu verschwenden. Das kann sehr entspannend sein (mindless knitting), das Ergebnis kann beglückend sein, aber es ist nicht kreativ – meiner Meinung nach.
Ich habe aber noch von keinem Stricker gehört, der sich mit mindless knitting zufriedengibt oder es auch nur schaffen würde, mal nicht mehrere Projekte in unterschiedlichen Graden der Herausforderung gleichzeitig zu bearbeiten. Und wer mit Leidenschaft kocht, nutzt Rezepte sicher als Anhaltspunkt und Inspirationsquelle, wird aber auch selbst immer wieder Neues ausprobieren. Und auch mal einfach das Lieblingsgericht kochen, das er auswendig kennt, einfach weil es entspannt und Spaß macht und schmeckt.*
Diese Menschen sind nach meinem Verständnis Kreative. Ebenso wie der tüftelnde Astrophysiker und auch jeder einfache Handwerker, der bloßes Handwerk mit eigenen Ideen, individuellen Problemlösungen und im besten Fall noch seinem persönlichen Stil bereichert. Und die Geschichtenerzähler natürlich. 😉 Designer sowieso. Und noch so viele mehr!
Kreativität – definiert!
Was verbindet sie? Und was unterscheidet sie von denjenigen, die nicht in die Liste gehören (falls es die denn gibt)? Nun, erstens mal die Freude an der Tätigkeit. Intrinsische Motivation (extrinsische kann natürlich dazukommen, zum Beispiel wenn ich für meine Tätigkeit auch bezahlt werde). Wahrscheinlich Flow-Zustände bei der Tätigkeit. All das kann ich aber auch beim Motorradfahren haben, das ich zwar liebe, aber zumindest für mich selbst nicht als kreativ einstufe.**
Die zweite Verbindung ist, dass sie aus eigenen Ideen und Vorstellungen etwas erschaffen (etwas Materielles oder auch nur ein greifbares Konzept oder einen Lösungsansatz). Für eine korrektere Definition müsste dieses Etwas originell sein (worum es ja auch bei der Erarbeitung dieser Thesis geht); dafür braucht es Experten, die in der Lage sind, dies zu beurteilen. Wenn das Etwas Mehrwert liefert, wäre das natürlich auch super – ich möchte ihn in meine Definition aber nicht aufnehmen, da er im Kleinen sehr subjektiv sein kann. Und ich würde mir auch nicht anmaßen, in irgendwas Experte zu sein und die Originalität zum Beispiel meiner Socken zu bewerten.
Lassen wir die Punkte, die externer Validierung bedürfen, weg, dann bleibt erstens die intrinsische Motivation, zweitens die Freude an der Tätigkeit und drittens das Erschaffen von etwas aus eigenen Ideen. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar und soll es auch nicht sein. Aber wenn ich es so lese, klingt es für mich erstaunlich schlüssig: Kreative sind Menschen, die aus innerem Antrieb mit ihren eigenen Ideen etwas Neues erschaffen und in ihrem Tun aufgehen. Klingt okay. Freude ist vielleicht doch der falsche Begriff.
* Stelle ich mir so vor. Ich schiebe halt einfach Tiefkühlpizza in den Ofen.
** Vielleicht sehe ich das mittlerweile anders.
Sind wir alle kreativ?
Dieser Definitionsversuch schließt sehr viele Menschen ein (und das ist gewollt), einige aber auch aus. Ich würde letztere mal in Anlehnung ans Stricken mindless nennen, ohne es böse zu meinen. Ich vermute, dass bei Menschen, die den inneren Antrieb nicht (mehr) haben, die keine eigenen Ideen (mehr) hervorbringen oder in ihrem Tun nicht (mehr) aufgehen, etwas stark aus dem Gleichgewicht geraten ist. Denn wenn man sich Kinder anschaut, erkennt man, dass zunächst mal (fast?) alle Menschen Ideen und Antrieb mitbringen und in ihrem Tun aufgehen können.
Ich weiß zum Beispiel aus eigener Erfahrung, wie sich Depression anfühlt, und habe viele gemäß Diagnose psychisch kranke Menschen kennengelernt. Da kann gut und gerne eine Komponente für Kreativität (oder alle) abhandenkommen. Und ich kenne jede Menge (in diesem Sinne unkreative) Menschen, die als psychisch gesund gelten, die ich nach meiner persönlichen Erfahrung und Einschätzung aber als aus dem Gleichgewicht geraten einstufen würde. Nehmen wir zum Beispiel sehr eifersüchtige oder verbitterte Menschen. Da gibt es dann keine Diagnose, ich halte sie aber nicht für wirklich gesund und so wundert es mich dann auch nicht, wenn sie keine (kreativen) Ideen haben. Jemanden mit AD(H)S-Diagnose, der seine Defizite in den Griff zu kriegen gelernt hat, halte ich dagegen aber durchaus für gesund und im Gleichgewicht.
Ich bin kein Arzt oder Therapeut, diese Einteilung hat keinen medizinischen Anspruch und ist rein subjektiv. Sie soll niemanden ausschließen oder abwerten, beides steht mir nicht zu. Sie soll nur mir persönlich helfen, Kreativität klarer zu fassen und eine subjektive und damit für mich verarbeitbare Antwortmöglichkeit auf die Frage liefern, warum manche Menschen kreativ sind und andere nicht – obwohl zweifelsfrei jeder Mensch kreatives Potenzial in sich trägt.
Und was war nun mit der unstillbaren Gier? Ich (als nach meiner eigenen Superdefinition Kreative) kann es nachvollziehen. Meine Ideen und mein Drang, sie zu verwirklichen, treiben mich an, von innen. Weil ich in meinem Tun aufgehe, mich darin verliere, die Welt und die Zeit vergesse und wie besessen daran schufte. Und ich liebe es. Ich könnte ohne nicht existieren. So gesehen bin ich hochgradig süchtig.
Ich werde meinen Definitionsversuch ein paar Menschen vorlegen und sie zum Abgleich um ihr Feedback bitten. Vielleicht kommt noch etwas ans Tageslicht, was die These bereichert. Ansonsten habe ich noch zwei Bücher bestellt und bin gespannt, ob ich mich mit ihnen anfreunden kann. Denn es bleibt ja noch die Frage, ob meine Karteninhalte in diesem Kontext etwas taugen. Oder ob mein Projekt doch wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.
In der nächsten Episode wird diese Definition nochmal verfeinert und du kannst was zum Ausgang der Mini-Umfrage lesen. Aber zunächst mal: Was meinst du zur Definition? Hältst du dich für »kreativ«, wenn du sie liest? Lass einen Kommentar da!



