Endlich: Kapitel 4! In dieser Episode werde ich einen ersten Blick auf das Thema Spielkarten werfen (in späteren Episoden geht’s noch vieeel mehr um Spielkarten, das hier ist erst der Anfang) und mich noch ein bisschen mit Kreativität, vor allem mit Miháli Csikszentmihályis Buch Creativity, befassen.

Die Episode ist vielleicht nicht sterbenslangweilig, aber auch kein Brüller. Demnächst gibt es Audio-Episoden, dann kannst du dir das Ganze einfach entspannt anhören. 😉

Kartenhaus

Nach Ticket 3 denke ich über das Layout meiner Karten nach. Ich will ja, dass sie spielbar sind, also müssen Farbe und Wert so abgebildet werden, dass ich sie erkenne, wenn ich die Karten in der Hand auffächere. Beim Rommé-Duell letzte Woche fragte jemand, ob das (also die Shakespeare Cards) Linkshänderkarten seien. Farbe und Wert sind oben links und unten rechts abgebildet. So kenne ich es auch. Aber ich frage zur Sicherheit mal Google und schaue mir Bilder an, während ich irgendetwas Belangloses in der Mediathek schaue.

Und schon ist es passiert. Ich drifte virtuell durch die Geschichte und Bilderwelt der europäischen Spielkarten und komme nicht mehr raus. Es gibt die oben-links-unten-rechts-Variante und die mit den Markierungen in allen vier Ecken. Verbote von Spielkarten belegen zweifelsfrei, dass es Spielkarten in Europa bereits Ende des vierzehnten Jahrhunderts gab. Dass sie verboten und später wohl sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, ist naheliegend. Glücksspiel.

Das französische Blatt mit Kreuz, Herz, Pik und Karo wurde wohl zum Exportschlager, weil sich Lyon im 16. Jahrhundert zu einer Hochburg der Spielkartenherstellung mauserte. Aber es gibt noch andere Blätter. Zum Beispiel das deutsche Blatt mit Eichel, Laub, Herz und Schelle (das ich zwar kenne, aber nie in echt gesehen habe) und – aha! – das italienisch-spanische Blatt mit Stäben, Kelchen, Schwertern und Münzen. Die Farben gehören also ursprünglich nicht ins Reich der Esoterik. Dass sie den Ständen des Mittelalters zugeordnet sind (Bauern, Klerus, Adel, Bürgertum /Handel) habe ich auch schon in Tarotbüchern gelesen. (»Spielkarte«, 2024)

Viel spannender ist die Entdeckung, dass die Figuren auf den allseits bekannten Standard-Skatkarten tatsächlich jemanden abbilden. Der Karo König zum Beispiel Julius Caesar, die Kreuz Dame mit der Sonnenblume die römische Göttin Juno. Eine Frage, die ich mir seit Kindertagen stelle, ist beantwortet. Ich bin gefühlt in Kneipen aufgewachsen und wenn ich keine Malsachen dabei hatte, hab ich aus Bierdeckeln oder Spielkarten (wo es einen Stammtisch gab, da gab es auch Karten) Kartenhäuser gebaut und mich in die Kartenbildchen vertieft und mir Geschichten ausgedacht. Hätte nicht gedacht, dass ich daraus mal eine Bachelorarbeit mache …

Es gab anscheinend schon immer unendlich viele vom Zeitgeist inspirierte Spielkarten-Designs. Über Hindenburg und Zeppelin in Gestalt der Buben wundere ich mich kaum. Den Doppeldecker über der Seine und die deutschen Kriegsschiffe finde ich dann doch etwas befremdlich. Stärkung der Moral über das Kartenspiel? Interessant finde ich, dass im deutschen Blatt die Hofkarten Ober, Unter und Daus (die ich noch nicht ganz verstanden habe) Figuren aus Schillers Wilhelm Tell und eine Jahreszeit abbilden. (Anton, 2018)**

* Hatte ich das irgendwo geschrieben?

** Oha, hier fing das mit den Karten ja erst richtig an. Kaum hatte sich der Kreis geschlossen, flog die Büchse der Pandora wieder auf.

VIDEO COMING SOON!

Und dann gibt es noch das Tarock (oder französisch: Tarot). Laut Wikipedia bezeichnet der Begriff eine ganze Reihe ähnlicher Kartenspiele, von denen ich noch nie gehört habe (Königrufen? Hä?). Die Entstehung wird auf den Anfang des 15. Jahrhunderts in die Po-Ebene verfrachtet, zum Wahrsagen sollen sie ab dem 18. Jahrhundert verwendet worden sein. Das Tarock-Spiel kennt je nach regionaler Ausprägung bis zu 22 Trumpfkarten, die mit römischen Ziffern durchnummeriert und keiner Farbe zugeordnet sind. (»Tarock«, 2024)

Dass das Tarockspiel der Vorläufer des mystischen Tarot ist, ist eine Binsenweisheit, die in jedem Tarotbuch steht. Folgt man der Geschichte des Tarot weiter, kommt irgendwann die Vermutung auf, dass es im alten Ägypten mit seinen geheimnisvollen Kulten entstand. Und dann kamen eben der Order of the Golden Dawn, Waite, Crowley und die ganze Mystik hinzu.

Ich halte es für wahrscheinlich, dass sowohl die Tarock- wie auch die anderen Spielkarten irgendwann und irgendwo einfach zur Wahrsagerei verwendet wurden. Den Karten haftete durch Aberglaube, Verbot und Scheiterhaufen ohnehin etwas Obskures an. Und Menschen haben sicher schon immer geglaubt, in irgendwas, und sei es nur Kaffeesatz, die Zukunft sehen zu können. Und wenn man die Hofkarten personifiziert und den Farben Stände zuordnet, gibt man ihnen ja bereits Bedeutung und Symbolik. Wir Menschen sind halt so. Mystery solved.

Was heißt das für meine Karten? Ich tendiere dazu, meine Idee von Funken, Spiegeln, Federn und Werkzeugen zu verwerfen. Zu abstrakt, zu merkwürdig. Wenn ich Back to the Roots will, kann ich sie auch einfach Pik Sieben und Karo Acht nennen. Ich mag das französische Blatt mit seiner Klarheit. Nur farblich müssen wir etwas ändern. Im Turnierskat ist wohl das französische Blatt mit deutschen Farben üblich. Aber da ist Pik dann grün und Karo orange. Das korrespondiert null mit den Elementen und ist keine
Option. Schade. Ich will die Elemente und am liebsten auch die Reihenfolge, also die ganze Systematik, auf die ich ja so viel Wert gelegt habe, abbilden. Mir geht auf, dass das bei den Tarotdecks völlig fehlt. Weder sind sie spielbar, noch haben die Farben und Nummern irgendeinen wirklichen Bezug zueinander. Gut, auf der 6 der Kelche sind sechs Kelche oder bei Phyllis Curott sechs Wassertiere abgebildet. Auf der 7 der Kelche dann eben sieben Kelche oder Wassertiere. Aber sie hängen nicht wirklich zusammen

Um Ideen zu kriegen, wie ich Farbe und Zahl sinnvoll und ästhetisch in den Ecken platzieren kann, stöbere ich auf Etsy und suche diesmal nicht nach Tarotdecks, sondern nach Spielkarten. Die Flut der Ergebnisse ist ähnlich und auch hier rutscht vieles ins Dunkle und Mysteriöse und Magische ab. Ich finde ein Ilias-Kartenspiel und sehe, wenig verwunderlich, das Trojanische Pferd. Aber! Der Kopf des Pferds ist auf der einen Karte, der Hintern auf der anderen. Sie liegen nebeneinander und ergeben zusammen den Gaul. Vielleicht sind das die Joker in diesem Deck? Die anderen Karten hängen nicht zusammen.

Was wäre, wenn meine Karten irgendwie visuell zusammenhängen könnten? Nicht, dass sie zusammengelegt ein riesengroßes Bild ergeben müssen, das schaffe ich nicht. Aber wenn zum Beispiel horizontal (alle Zweier) und vertikal (Ass, Zwei, Drei …) irgendein Element durchläuft und so visuell den Platz dieser Karte definiert? Könnte ich so etwas hinkriegen?

Ich überlege, welche Elemente wie einsetzbar sind, denn davon hängt das Layout ab. Jede Farbe (Kreuz, Pik …) könnte die Farbe des Elements aufgreifen; Rot für das Feuer, Blau für die Luft. Das ergibt Sinn, ist intuitiv und könnte bei der Interpretation helfen. Die Zahlen könnten zum Beispiel durch geometrische Elemente (Punkt, Linie, Dreieck) dargestellt werden. Die Darstellung in dem Marseille-Buch hat mir sehr bei meinem Verständnis geholfen. Mit der Anzahl Kelche, Spiegel oder Ähnlichem möchte ich eigentlich nicht arbeiten, es erschwert die Darstellung, hatte ich ja ganz am Anfang schon mal festgestellt. Und ich sehe keinen Mehrwert darin.

Die drei Kartentypen Zahlen, Hofkarten und Trumpfkarten sollen sich visuell deutlich voneinander unterscheiden, wie sie es im Tarock tun, in den modernen Tarotdecks aber nicht. Dort ist alles vollflächig zugemalt, gerne noch mit verspielten Art Nouveau-Rändern, wahrscheinlich, weil man nicht wusste, wie man sonst die Kartenbezeichnung einbringen soll. Not my Style. Keine Ränder, Rahmen und Bordüren, dafür mehr Weißraum, zumindest auf den Kleinen Arkana.

SPIELKARTEN-DESIGN

Seele

Während ich mich davor drücke, einen Bleistift in die Hand zu nehmen, lese ich weiter zur Kreativität. Julia Camerons The Artist’s Way begeistert mich auf den ersten Seiten vollkommen, als das Programm dann anfängt, lege ich es weg. Enttäuschend. Langatmig. Wieder ist von quasi-göttlichen Kräften die Rede, die man nur fließen lassen muss, denen man nicht im Wege stehen soll. Laut ihr die gleichen Kräfte, die auch dafür sorgen, dass die Blume erblüht (Cameron, 2020, S. xix). Ich nehme Creative Confidence von den Kelley-Brüdern zur Hand. In der Einleitung schreiben sie vom creative myth, der die Menschen und die Tätigkeiten in kreativ und nicht kreativ einteilt. Dem stellen sie die creative confidence gegenüber: »At its core, creative confidence is about believing in your ability to create change in the world around you«. (Kelley & Kelley, 2015, S. 1,2) Etwas später fällt auch der passende psychologische Begriff dazu: Selbstwirksamkeit (self-efficacy, S. 10).

Und da haben wir’s doch. Selbstwirksamkeit bedeutet, dass das, was ich tue, wirskam ist. Bedeutet: Macht. Und irgendwo, Star Wars vielleicht, habe ich mal das Zitat gehört »With great power comes great responsibility« (Okay, Wikipedia sagt, der Satz wurde durch die Spider Man-Verfilmung mit Toby Macguire populär und verweist auf andere Aussagen und Geschichten in der Geschichte, die den gleichen Inhalt transportieren. (»With great power comes great responsibility«, 2024)). Macht, Schöpferkraft, bedeutet Verantwortung. Und sich vorzustellen, dass wir die Schöpferkraft aka Kreativität ganz natürlich in uns tragen und einsetzen können, klingt absurder als jeder Fantasy-Schinken. Unseren Willen wahr werden zu lassen (zaubern?) ist doch das, was wir im Grunde alle wollen. Und die Möglichkeit, dass wir das tatsächlich können, dass wir die Macht dazu haben, ist beängstigend.*

Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass wir die Kreativität mit allem, was dazugehört, einfach ganz natürlich in uns tragen. Ich würde so weit gehen, sie Seele zu nennen – noch so ein undefinierter Begriff. Ist es nicht unsere Seele, die sich im Grunde verwirklichen will? Viel mehr, viel stärker, als unser Ego? Ist es nicht die Seele des Künstlers, die große Meisterwerke hervorbringt? Und ist es nicht unsere Seele, die in uns klingen, singen oder schmerzen kann?

Wir Menschen sind nicht die einzigen Geschöpfe mit einer Seele. Für mich haben alle Geschöpfe Seele. Die Hunde, die auf meiner Couch wohlig schnarchen, ebenso wie die Maulbeerbäume in meinem Garten oder der Wolf, der nicht allzu weit von hier wieder Revier bezogen hat. Beim Wolf geht es noch instinktiver zu. Fressen, vermehren. Mein Bäumchen lebt ganz im Kreislauf der Natur. Es wächst, bringt Früchte hervor, wirft die Blätter ab. Jedes Jahr wieder. Meine Hunde kennen anscheinend schon Dinge wie Vorfreude, Verbundenheit und auch Langeweile. Den Begriff der Selbstwirksamkeit habe ich übrigens zum ersten Mal bewusst beim Hundetraining gehört.

Von daher stimme ich Cameron zu: Die Kraft, die uns erschaffen lässt, ist letztlich die gleiche, die die Blume blühen lässt. Die Seele. Und die schreibe ich immer weniger einem Gott zu, sondern ganz einfach der Natur. Oder präziser: der Evolution. Die Evolution ist wahnsinnig kreativ. Und sie hat dafür gesorgt, dass alle Lebewesen die nötigen und passenden Merkmale und Wahrnehmungen und Instinkte entwickelt haben. Sonst hätten wir vielleicht alle lange Hälse, Flossen und eingebautes Echolot. Und der Mensch, ohne Fell, ohne Flossen, ohne Reißzähne, musste eben erschaffen, um zu überleben. Feuer nutzbar machen, Behausungen bauen. Dafür brauche ich Holz, Holz muss von A nach B geschafft werden. Also erfinde ich irgendwann das Rad. Und so weiter.

Und ich setze noch einen drauf: Wie bei Genetik und Prägung geben wir die Seele weiter. Wir stecken Herzblut in unsere Werke. So werden auch unsere Artefakte irgendwie beseelt. Im übeertragenen Sinn spüren wir das an Geschenken, Erbstücken und Souvenirs, denen wir unabhängig von ihrem monetären Wert subjektiv einen emotionalen Wert beimessen. Das Teil wurde von uns beseelt, könnte man sagen.

Nun ja, und so, wie die Blume durch eine Mischung aus Seele und Naturgesetzen irgendwann blüht, so brechen auch Vulkane aus und so kreisen vielleicht auch Planeten und Sterne und Galaxien in diesem verrückten Universum. Vielleicht hat auch der Jupiter eine Seele.

Aber zurück zu uns Menschen. Meine aktuelle These ist, dass wir einfach evolutionär bedingt ganz normal eine Seele haben. Vielleicht schließt die neben unserer natürlich vorhandenen Kreativität auch unseren Geist und unser Unbewusstes ein. Vielleicht ist das alles eins. Wir haben diese Seele, andere Lebewesen haben diese Seele, alles Unbelebte um uns herum hat es meiner Meinung nach auch in seiner spezifischen Form – und wir geben unsere Seele an das, was wir erschaffen, und das, worum wir uns kümmern, weiter. Diese Seele müsste, wenn sie Galaxien im Gleichgewicht hält, älter sein als die alten Götter. Also gibt es entweder noch einen Obergott, der irgendwo die Strippen zieht**, oder … es ist halt einfach so.

Der Punkt ist: Für mich ist Kreativität nichts, was göttlicherweise in uns ist, was die Musen uns eingeben und was wir dann verwirklichen oder dem wir nicht im Wege stehen sollen.*** Für mich ist sie, genauso wie die Abgründe des Unbewussten und meinetwegen die Intelligenz, die teils vererbt und teils geprägt ist (und über die jeder verfügt!), einfach ein Teil von uns, mit dem wir bestmöglich umzugehen haben. Wir können sie einsetzen oder verdrängen. Letzteres ist einfacher, weil es weniger Macht und weniger Verantwortung mit sich bringt. Aber leider auch weniger Erfüllung. Der Weg der Erfüllung führt über den Einsatz der Kreativität. Wenn wir unser kreatives Potenzial voll ausschöpfen, können wir unsere Welt verändern und formen. Und jeder von uns hat mit seiner Kreativität etwas Wertvolles beizutragen. Auch wenn er es noch nicht weiß.

Ich werde weiter zur Kreativität recherchieren und habe, wer hätt’s gedacht, noch ein Buch (anscheinend das einzige Buch) zur Geschichte der Spielkarten bestellt. Ob das alles überhaupt irgendwas zum Ergebnis dieser Thesis beiträgt, weiß ich nicht. Für die Karten ist es irrelevant, warum mein Maulbeerbaum Früchte trägt und wer im achtzehnten Jahrhundert auf welcher Karte abgebildet war. Aber … für mich ist es gerade wichtig. Und irgendwie fließt das ja dann doch alles in meine praktische Arbeit ein – und wenn auch nur als Seele.

* Derzeit bin ich ja doch wieder eher auf dem Stand, dass es vielleicht gar nicht unser eigener Wille ist. Vielleicht sind wir eben doch nur Gefäße, Gehilfen, die gar nicht ihren Willen verwirklichen. Aber wir werden ausgewählt. Ach, dazu kommt später mehr, ich versuch es hier jetzt nicht zu erklären, das klingt ja wie in einer Sekte … keine Panik, es wird alles Sinn ergeben. Vielleicht.

** Yes.

*** Oder doch. Vielleicht ein Mix? Etwas in uns, das mit dem Göttlichen resoniert?

MEHR RECHERCHE

Komplexität

Ich muss mitschreiben, während ich lese, sonst verschwimmt es alles wieder. Zwischendurch habe ich Creative Confidence weiter gelesen, dann nur noch überflogen. Design Thinking-Prozesse und ein bisschen Psychologie. Ich habe noch nie so viele Bücher angefangen und wieder weggelegt. Wieso? Wenn ich jetzt sage »Weil ich das alles schon weiß« klingt es überheblicher, als ich beabsichtige, und falsch ist es obendrein. Aber so in etwa fühlt es sich an. Es geht alles irgendwie in die falsche Richtung, bestätigt mich zwar in vielem, aber die bahnbrechenden Erkenntnisse fehlen.

Also: Zurück zu Csíkszentmiháyi (2013). Ich hatte auf Seite 36 (ja, weit gekommen …) aufgehört zu lesen. Ja, weit gekommen … Dort steigt er nun direkt mit den Wahrnehmungen und Instinkten der Tiere ein. Hat er bei mir abgeschrieben? Aber statt meiner Seelentheorie schreibt er, dass wir zusätzlich mit Symbolen arbeiten. Und die verschiedenen Symbolwelten von Notensystemen bis zur Mathematik bilden eben die Domänen, in denen Kreativität aufkommen kann. Ich erinnere noch mal dran, dass Csíkszentmihályi, sobald es um Domänen und Felder geht, von Big-C spricht und nicht von meiner Definition von Kreativität. Er nennt das Wissen um die Symbole extrasomatisch. Nicht vererbt, sondern erlernt. (S. 36, 37)

Nun, im dritten Kapitel, geht es endlich um die kreative Persönlichkeit. Csíkszentmihályi nennt eine gewisse genetische Prädisposition, zum Beispiel Sensibilität für Farbe und Licht im Falle des Malers, als begünstigenden Faktor. Von hier kann Interesse leichter erwachsen. (S. 52)* Weitere Faktoren sind wieder gesellschaftlicher Natur, aber keiner davon ist zwingend notwendig, damit jemand kreativ wird. Auf Seite 56 stellt er selbst die Frage »When do we get to the interesting part«, den tiefen Geheimnissen der kreativen Persönlichkeit – und erklärt, dass er nicht weiß, ob er dazu viel schreiben kann, weil es eben nicht den einen kreativen Zug gibt.

Aber er tut es natürlich doch. Ich mag den Mann. Auf Seite 57 gibt er widerwillig seine Antwort: »If I had to express in one word what makes their personality different from others, it would be complexity. By this I mean that they show tendencies of thought and action that in most people are segregated. They contain contradictory extremes – instead of being an »individual«, each of them is a »multitude«. Like the color white that includes all the hues in the spectrum, they tend to bring together the entire range of human possibilities within themselves«. Zwar haben alle Menschen diese Qualitäten, die meisten entwickeln aber nur je einen von zwei Polen, Kreative mit höherer Wahrscheinlichkeit beide, heißt es weiter. Er geht kurz auf Jung und die unterdrückten Schatten ein, ohne deren Anerkennung wir nie komplett sein können, und stellt klar, dass die Kreativen nicht »wishy-washy« oder irgendwo in der Mitte sind, sondern einfach beide Extreme ohne inneren Konflikt kennen und erleben. (S. 57)

Oha, jetzt wird’s spannend. Das Dasein zwischen, nein, in zwei Polen habe ich immer als meine charakteristischste Eigenschaft betrachtet. Der Konflikt kam immer nur daher, dass ich dachte, überzeugt war, man könne nur eines sein. Vorsichtig oder risikofreudig. Zurückhaltend oder durchsetzungsfähig. Das fragen doch die ganzen Persönlichkeitstests – egal ob in der Bravo oder in der Psycho-Klinik – oder? Ich dachte, dieses Erleben ist normal. Oder dass ich eben doch schizophrene Züge habe oder mich einfach nicht wirklich festlegen will, wie oder was ich bin. Mein Leben wurde etwas entspannter, als ich mir irgendwann dachte »Na gut, dann bin ich halt ein Freak.«

Goethe kommt mir in den Sinn. »Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt, glücklich allein ist die Seele, die liebt«. Da ist sie wieder, die Seele. **

Ich habe nun weitergelesen und den ersten Teil des Buchs verschlungen. Ich bin so aus dem Häuschen, dass ich hier am liebsten eine Zusammenfassung schreiben würde. Vielleicht eine ganz kleine?

Csíkszentmihályi zählt die zehn dialektischen Eigenschaften auf und entmystifiziert in gewisser Weise schon hier die Kreativität. Er geht auf divergentes und konvergentes Denken ein und stellt ganz klar, dass divergentes Denken, die vielen Ideen (meiner Meinung nach das, was viele unter Kreativität und Kunst verstehen) relativ nutzlos ist ohne konvergentes Denken, das Rationale, das die eine Lösung sucht. Es geht weiter: Es braucht natürlich Verspieltheit, aber was dann folgt, braucht Ausdauer und ist harte Arbeit. (S. 60, 61)

Unerwartet: Er zählt auch die Pole feminin und maskulin auf und konstatiert, dass die von ihm untersuchten Kreativen Tendenzen zur psychologischen (nicht physischen oder sexuellen) Androgynität aufweisen; die Frauen also neben traditionell femininen Zügen auch stark ausgeprägte traditionell maskuline Züge aufweisen – und umgekehrt. (S. 70, 71)

Das nächste Kapitel, The Creative Process, dreht sich um … na ja … den kreativen Prozess. Csíkszentmihályi sagt, dieser sei traditionell in die fünf Schritte preparation, incubation, insight, evaluation und elaboration eingeteilt, verlaufe aber nicht linear und enthalte Iterationen (S. 79 – 81). Probleme, die ja zur preparation, Vorbereitung, führen, werden in presented und discovered (S. 95) eingeteilt. Klar, presented ist ein bekanntes Problem, das nach einer Lösung verlangt; discovered ist ein Problem, von dem noch niemand weiß. Als Beispiel für Letzteres wird Darwin genannt. Es gab kein Problem. Gott hatte die Arten erschaffen, alles war gut. Nur dämmerte Darwin auf seinen Exkursionen, dass das vielleicht doch etwas zu einfach war (S. 97, 98).

Spannend hieran finde ich den Vergleich mit der Bachelor Thesis. Man kriegt ja ein bisschen mit, wie schwierig die Themenfindung für manche ist. Es gibt keine Aufgabenstellung, kein vorgefertigtes Problem. Man muss sich selbst eins suchen. Das ist eine kreative Herausforderung.

Viel Aufmerksamkeit wird der Inkubationszeit gewidmet, in der der Kreative sich mit anderen Dingen beschäftigt und irgendwann wundersam die nächste Stufe, insight, das Heureka, erreicht. Eine vorgestellte Lösung, was da unbewusst passiert, greift etwas befremdlich auf Freud (Freud, immer wieder Freud …) zurück; die kreative Neugier wäre demnach ein Produkt der kindlichen Verdrängung. Bewusst sucht der Kreative nach irgendwelchen Lösungen, die unbewusst darauf abzielen, seine kindlichen Verdrängungen zu verstehen (S. 100). An einem konkreten Beispiel bezeichnet Csíkszentmihályi die These als »spectacularly implausible« (S. 101) und gibt stattdessen einen Gegenentwurf ab: Sobald wir den Verstand nicht mehr lenken, kann er eigene Assoziationen bilden, ohne dass diese direkt vom Bewussten zensiert werden (S. 101). Das klingt schon logischer. Und ich möchte anfügen, dass nach dem langen, bewussten Kauen auf einem Problem der Verstand (oder das Unbewusste) auch feiner, empfänglicher reagiert. Dann führt man vielleicht ein Gespräch oder schaut einfach Fernsehen, wo etwas gesagt wird, und mit einem Wort, das mit dem Problem erst mal gar nichts zu tun hat, ergibt plötzlich alles Sinn. So breit, so divergent, können wir bewusst gar nicht denken. Aber wir müssen vorher zumindest schon mal gedacht haben, damit es dann funktionieren kann.

* Ich hab’s zwischenzeitlich in anderer Form woanders (Angela Duckworths Grit??) als Spruch im Basketballtraining gehört: You can’t train height. Das leuchtet ein.

**…..Hat Goethe in Klärchens Lied
geschrieben.

Das war das Intro zum Thema Spielkarten & Kreativität … Damit ist nun eigentlich die ganze trockene Theorie erledigt und ich könnte in der nächsten Episode ans Werk gehen … Abwarten. 😉 

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